Diese Kurzgeschichte spielt in Tolkiens Mittelerde. Das Genre ist eher Abenteuer/Freundschaft. Das Rating liegt hier bei NC-17.

Disclaimer:

Die Welt Mittelerde mit ihren Völkern und Landschaften gehört zu Tolkien, gleichermaßen einige der Randfiguren. Ein paar Szenen und Dialoge gehören Peter Jackson. Der Handlungsverlauf und die Hauptfiguren sind jedoch von mir erfunden. Jedenfalls diejenigen, die nichts mit dem „Herrn der Ringe“, sei es Buch oder Film, zu tun haben. Außerdem schrieb ich die Geschichte zum Spaß und verdiene kein Geld damit.

 

 

Das Gasthaus zur Letzten Brücke

Nachdenklich stand ich an der Balustrade und ließ die friedliche Atmosphäre Bruchtals auf mich wirken. Elrond hatte zum Rat einberufen. Ich hatte keine Ahnung was der Anlass für ein solches Handeln sein könnte. Mein Vater hatte mich geschickt, da ich als einziger meiner Brüder greifbar war. Im Laufe der letzten Tage waren etliche Gesandte der freien Völker Mittelerdes eingetroffen. Menschen, Zwerge, Elben. Außerdem liefen einige Hobbits umher. Ich hatte sogar Gandalf den Grauen gesehen. Was war derart wichtig, dass ein solch mächtiger Zauberer, einer der großen Istari, zu Elronds Rat geladen wurde?

Meine Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Bereits einmal war ich Gast in Elronds Haus gewesen. Damals war ich auf dem Weg nach Hause in den Düsterwald. Fünf Sonnenläufe war ich fort gewesen und sehnte mich nach der Halle von Aradhrynd. In Fornost lernte ich ein außergewöhnliches Paar kennen. Dies geschah im Jahr 3011 des Dritten Zeitalters.

Meine Kampfgefährten und ich waren zu jener Zeit in Trauer gewesen. Nur Tage zuvor hatten wir drei unserer Gefährten im Kampfe verloren. Alarian Tinario, der Bogenschütze aus Gondor, Timodin Asacht, der Schwertkämpfer aus Edoras und Lavinia Garduron, die weißhaarige Kämpferin mit durchscheinender Haut und rötlich glänzenden Augen von den Ufern Belfalas. Wir restlichen fünf hatten es unter dem Preis ihrer Leben geschafft unseren Auftrag zu erfüllen. Doch unsere Heilerin, Rellena Sargarin, die schwarzhaarige zerbrechlich wirkende Dúnedain aus Minas Tirith, war schwer verwundet worden. In Fornost gab es zu dieser Zeit keine Heilkundigen, die mit solch schwerwiegenden Verletzungen fertig werden konnten. Der Wirt des Gasthauses zum "Lustigen Wandersmann" hatte uns jedoch erlaubt Rellena dort zu pflegen, bis sie reisefähig wäre, denn eine seiner Töchter hatten wir ebenfalls aus den Fängen der Wegelagerer befreit. Ihr Zustand war seit unserer Rückkehr unverändert. Beim Mahle wollten wir uns darüber einigen, was wir weiterhin unternehmen würden, um Rellena zu helfen.

Wir hatten uns an den Tisch am Feuer gesetzt. Von dort aus konnte man den ganzen Schankraum überblicken. Das Gasthaus war eines der mittleren Kategorie. Nicht wirklich erstklassig, aber auch keine heruntergekommene Spelunke. Der Wirt selber war ein kleiner, runder Mann mit vollem Gesicht, grauem gekräuseltem Haar und einer dunklen, vom langen Gebrauch speckig gewordenen Lederschürze über seiner leinenen Kleidung. Einige Mägde liefen umher und bedienten. Seine Frau und Töchter führten die Küche.

Ein paar Plätze waren an unserem Tisch noch frei, obwohl das Gasthaus gut besucht war. Ich denke, dass unsere Trauer die meisten Gäste davon abhielt bei uns Platz zu suchen. Unsere Blessuren taten ihr übriges. Keiner von uns war unverletzt geblieben. Meine Gefährten hatten während des Mahles begonnen ihre Trauer zu ertränken. Sobald ein Krug Wein geleert war, brachte der Wirt einen neuen. Ich hielt mich zurück. Trauer auf diese Weise zu bewältigen, war nicht Elbenart. Elben trauern anders. Wir waren just mit dem Mahl fertig, als zwei Reisende eintraten. Offensichtlich Elben.

Jedenfalls der Mann war eindeutig ein Elb, ich würde vermuten ein Sinda. Seine Ohrspitzen blitzten aus dem goldfarbenen langen Haar hervor, welches nach Elbenart an den Seiten geflochten war. Seine dunkelbraune Rüstung wies mattgoldene Ornamente im Schulter- und Brustbereich auf. Die Armschienen waren ebenfalls aus dunkelbraunem Leder mit mattgoldenen Ornamenten. Die Hose aus dunkelgrauem Leder und der Gürtel wurde mit einer goldenen Schließe gehalten. Daran hingen mehrere lederne Beutelchen und ein Dolch. Die Tunika war graugrün wie der Umhang. Dunkle Lederstiefel vervollständigten das Gewand. Bogen und Köcher waren mit Goldornamenten versehen. Zwei gekreuzte Kurzschwerter wurden von dem Köcher beinahe verdeckt. Er schien, wie ich, den Kampf mit zwei Schwertern zu bevorzugen. Der graugrüne Umhang wies an der Schließe das Wappen des Hauses Glordoron auf.

Er sprach mit dem Wirt. Dieser wirkte nicht gerade erfreut, als er die Waffen der Ankommenden sah. Er mochte keine schwerbewaffneten Leute in seinem Schankraum. Nur Ulef an unserem Tisch trug noch seine Axt im Gürtel. Da er mit der hühnenhaften Gestalt seiner nordmännischen Vorfahren gesegnet war, vermied es der Wirt seiner Missbilligung offenen Ausdruck zu verschaffen.

Die beiden würden es schwer haben, Quartier zu bekommen, obwohl sie offensichtlich wohlhabend waren. Doch der Wirt hatte mehr Blicke für die zwei gekreuzten Schwerter sowie Pfeil und Bogen auf dem Rücken des zweiten Reisenden. Und ihm gefiel weder, was er sah, noch, was er hörte, denn er unterbrach das Gespräch, um meinen Kameraden neue Krüge mit Wein zu bringen. Die beiden Reisenden aber drehten sich am Tresen um und verfolgten den Wirt mit den Augen. In dem Moment verstand ich, warum dieser statt des Mannes während des Gespräches die ganze Zeit sie angesehen hatte. Hatte ich bisher den Bogen des Sinda mit seinen feinen Ornamenten bewundert, dann sah ich jetzt etwas viel unübertrefflicheres mit diesem Gesicht. ... Und diese Frau war keine Elbin, obgleich sie elbische Reisegewänder trug.

Sie lehnte sich lässig auf ihren Kampfstab und ließ ihren Blick durch den Schankraum schweifen. Auch an uns blieben ihre Augen kurz haften. Neugierig betrachtete ich sie genauer. Dunkelbraune lange Haare umrahmten ihr Gesicht. Ihre Haut war makellos. Die tiefgrünen Augen blitzten im Schein des Feuers. Ihre Gestalt hochgewachsen und schlank, annähernd elbisch. Sie trug eine Tunika in hellem silbergrau mit einem Kampfmantel in dunkelbraun, verziert mit feinen Goldstickereien. Hierüber eine dunkelbraune Lederrüstung mit mattgoldenen Ornamenten an den Schultern. Die Armschienen waren ebenso gefertigt. Ihre Hose war aus dunkelbraunem Leder, gehalten von einem Gürtel aus geflochtenem Leder mit einer Goldschließe. Mehrere Beutelchen und ein Dolch hingen daran. Ihre Füße steckten in dunkelbraunen Lederstiefeln.

Sie lächelte dem zurückkommenden Wirt zu und schlug den Umhang mit der Schließe des Hauses Glordoron elegant zurück, so dass die Laute zum Vorschein kam, die neben dem Köcher hing, der, wie der Bogen, hervorragend gearbeitet und mit zarten Schnitzereien versehen war. Offensichtlich war sie eine Bardin. Dies änderte den Verlauf des Gespräches augenblicklich. Nun schien der Wirt hocherfreut zu sein. Barden waren immer gerne gesehen in den Gasthäusern Mittelerdes. Kurze Zeit später gingen die beiden durch den Schankraum zur Treppe nach oben.

Sie würden die Unterkunft nicht besonders mögen, dachte ich bei mir. Auch für mich war sie zu dunkel und erdrückend. Die Räume waren nicht sonderlich groß. Wir hatten einen Gemeinschaftsraum bezogen. Kerzen an den Wänden spendeten spärliches Licht. Die zwei winzigen Fenster waren mit Pergament bezogen. Unser Raum hatte zumindest eine Feuerstelle. Die Schlafstätten bestanden aus einfachen Strohlagern, die mit einem Stück Leinen bezogen waren. Wie es in den anderen Gasträumen aussah, entzog sich meiner Kenntnis, aber wahrscheinlich auch nicht besser.

Einige Zeit später kehrten sie zurück. Die Frau hatte sich in ein weich fließendes taubengraues Gewand gehüllt, das mit feinen Stickereien versehen war. Ihre Haare waren nun teilweise eingeflochten. Den Staub der Reise hatte sie aus dem Gesicht gewaschen. In der Hand trug sie die Laute und eine Flöte aus Mithril hing an ihrem Gürtel.

Die beiden sahen sich vom untersten Treppenabsatz her um. Dann wies der Sinda zu unserem Tisch. Geschickt bahnten sie sich einen Weg durch den Schankraum. Sie grüßten uns höflich, bevor sie sich niedersetzten. Die Frau schien die Wärme des Feuers offensichtlich zu genießen, denn ein zufriedenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Rasch eilte eine der Mägde herbei. "Seid gegrüßt und willkommen im ‚Lustigen Wandersmann'", sagte sie freundlich, "was kann ich euch bringen?" "Bringt uns Brot und von der Fleischpastete, die in eurem Ofen brutzelt", antwortete der Sinda, "desgleichen wäre ein wenig Wein passend. Unsere Kehlen sind trocken von der Reise." Die Magd verschwand und kehrte Minuten später mit dem Gewünschten zurück.

Die Frau musterte die im Schankraum anwesenden Gäste aufmerksam. Ihr Begleiter lächelte sie an und sprach zu ihr in einer mir unbekannten Sprache. Sie schien jedoch dem Sindarin ähnlich zu sein. Jedenfalls klang sie entsprechend. Auch uns nahm sie in Augenschein. Mir war bewusst, dass wir einen kläglichen Anblick boten.

Mir gegenüber saßen Radamar und Dagobar, die Dorwinrim-Brüder vom Meer von Rhûn. Beide hatten bereits stark dem Wein zugesprochen. Dagobars Wunden waren beinahe verheilt, da er nur oberflächliche Fleischwunden davongetragen hatte. Ein Glück für ihn, dass er ein begabter Schwertkämpfer war. Sein Bruder Radamar trug deutliche Spuren seiner misslungenen Zauber, versengte Augenbrauen und Fingerspitzen. Ihm schien es nichts auszumachen, das ihn die Leute argwöhnisch betrachteten, da die meisten Magier ihre Kunst im Verborgenen ausübten. Doch Radamar war noch jung, regelrecht ungestüm. Eigentlich war er Priester eines Gottes seines Volkes, doch er war magisch hochbegabt. Manchmal kam das vor. Sein Orden sah es allerdings nicht gerne, wenn die jungen Priester in der Öffentlichkeit zauberten. Gleichwohl musste Radamar erst die Ruhe und Weisheit des Alters erreichen, um auch ohne Magie auszukommen. An meiner Seite saß Ulef, der Nordländer. Die rotblonden, kaum gekämmten Haare und der riesige Schnauzbart ließen jeden anderen auf Abstand gehen. Er hatte, wie Radamar und Dagobar, dem Wein bereits äußerst reichlich zugesprochen.

Nach dem Mahl erhob sich die Frau und langte zu ihrer Laute. Sie ging von Tisch zu Tisch und spielte Lieder, die gewünscht wurden. Ich muss zugeben, dass ihre Stimme äußerst angenehm klang, dafür dass sie keine Elbin war. Doch sie musste eine elbische Schule durchlaufen haben. Bald herrschte eine ausgelassene Stimmung im Schankraum. An unserem Tisch sank diese dagegen weiter ab. Der Sinda hatte sich in der Zwischenzeit zum Wirt gesetzt. Anscheinend gab er diesem Neuigkeiten zum Besten.

Die Frau kehrte nach einer Weile an den Tisch zurück. "Nun meine Herren, was darf ich für euch spielen", grüßte sie mit einem Lächeln. "Geh fort von diesem Tisch, Frau", knurrte Ulef sie an, "wir sind nicht in der Stimmung für fröhliche Lieder." Seine Hand spielte bedrohlich mit der riesigen Axt, von der er sich nicht einmal im Schlaf trennte. "Ich habe auch traurige Balladen in meinem Repertoire", antwortete sie rasch. Ulef spannte sich an. Vorsorglich legte ich eine Hand auf seinen Waffenarm. Dann verbeugte ich mich leicht in ihre Richtung. "Werte Bardin, spielt eine Ballade zu Ehren unserer toten Kampfgefährten", sagte ich zu ihr, "und verzeiht Ulef seine Unhöflichkeit." Sie nickte verstehend und wählte eine der alten Heldenballaden aus.

Die beiden Dorwinrim schauten nur benommen in ihre Becher. Sie hatten es erfolgreich geschafft ihren Kummer zu ertränkt. Die Frau beendete das Lied, legte die Laute nieder und setzte sich. Ergriffen von der Ballade schob ich ihr eine Goldmünze hin. "Als Lohn für die Ballade", sagte ich, "es war eine angemessene Totenklage." Sie schaute mich forschend an. "Herr Elb", sprach sie auf Bethteur, der Sprache der Waldelben, "ich grüße euch. Mein Name ist Arwen Ceridwen. Was ist geschehen, dass eure Begleiter und ihr in Trauer seid." Ich schaute sie überrascht an. "Eine Menschenfrau, die Bethteur spricht, ist ungewöhnlich", erwiderte ich erstaunt. "Auch ich würde gerne eure Geschichte hören", unterbrach ihr Gefährte mich, denn dieser kehrte jetzt an den Tisch zurück, "mein Name ist Anordil, Sohn des Glordoron von Cillien." Ich horchte auf. Von ihm hatte ich gehört und sein Bruder Luvalaes war mir von einem Fest in Lothlórien bekannt. "Ich bin Legolas, Sohn des Thranduil vom Düsterwald", stellte ich mich vor, "von euch habe ich viel gehört, Anordil Glordorion. Vor allem von eurem Bruder Luvalaes." Die Frau, die sich Arwen nannte, unterdrückte einen Aufschrei. Anscheinend war ich ihr bekannt. Ich wusste nur nicht woher. Aufmerksam sah sie mich an. Respekt und Achtung, aber auch Trauer lag in ihren Augen.

Wir setzten uns ein wenig abseits der anderen. "Ihr müsst das Verhalten meiner Weggefährten entschuldigen", sprach ich, "wir haben vorgestern drei unserer Gefährten im Kampf verloren. Es war in den Höhlen einer verfallenen Burg weit im Norden der Nördlichen Höhen. Zwei Tagesreisen von Fornost entfernt. Wir hatten einen Auftrag der hiesigen Gemeinde angenommen. Mehrere Frauen und Kinder der hier ansässigen Händler waren von einer Horde Wegelagerern entführt worden. Es ist uns gelungen sie zu befreien. Doch der Preis war hoch. Unsere Heilerin ist schwer verwundet. Sie liegt oben in unserer Unterkunft." Anordil nickte verständnisvoll. "Wenn ihr es erlaubt, würde ich mir die Verletzungen ansehen", sagte er, "ich habe zwar längs nicht das Talent meiner Tochter, aber vielleicht kann ich helfen."

"Freund Legolas, mit wem sprecht ihr", unterbrach uns Radamar mit schwerer Zunge. "Dies ist Anordil Glordorion und seine Weggefährtin Arwen Ceridwen", antwortete er ihm, "Anordil ist Heiler. Er würde sich Rellena ansehen, vielleicht kann er ihr helfen." Radamar schaute Anordil hoffnungsvoll aus alkoholgeschwängerten Augen an. "Wenn du ihr wirklich helfen kannst, sind wir dir verpflichtet", lallte er mehr, als das er sprach, "mein Name ist Radamar und dies ist mein Bruder Dagobar. Der Nordländer dort ist Ulef, Sohn des Urtham." Dieser hatte genug Wein getrunken. Sein Kopf ruhte auf dem Tisch vor ihm. Leises Schnarchen zeugte von seinem gegenwärtigen Zustand. Ohne viele Worte zu verlieren stand ich auf und bedeutete Anordil mir zu folgen. Ruhigen Schrittes gingen wir die Treppe hinauf. Arwen blieb zurück. Kurze Zeit danach hörte ich ihre Flöte. Nur Mithril konnte diesen weichen, silbrigen Klang hervorbringen. Fröhliche Melodien drangen gedämpft an mein Ohr.

Rellena lag unverändert da, als ich die Tür öffnete. Beinahe schien es, als weile sie bereits in den Fängen des Todes. Wachsbleich sah sie aus. Ihr Körper war in Verbände gehüllt, die an manchen Stellen bereits erneut mit Blut durchnässt waren.

"Mir scheint, als käme meine Heilkunst zur rechten Zeit", flüsterte Anordil. Mit raschen Schritten trat er zum Lager. Neugierig sah ich zu. Sein Ruf als Heiler war legendär und wurde nur von den Heilkünsten seiner Tochter und denen Elronds übertroffen. Anordils Hände glitten über Rellenas Körper. Seine Augen blickten konzentriert. Alsbald fing er an magische Sprüche zu rezitieren. Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn.

Nach einer kleinen Ewigkeit verstummte unten die Flöte. Nur Minuten später klopfte es an die Tür. Leise öffnete ich diese. Es war Arwen. "Suilad mellon", sagte sie leise, "ich wollte nur nachsehen, ob ich Anordil helfen kann." "So tretet ein", antwortete ich. "Die hiesigen Heiler verfügen nicht über die notwendigen Mittel", wisperte ich Arwen zu, als sie nähertrat, "aber Rellena hat gut gekämpft. Wir wollten sie nicht aufgeben. Seit gestern liegt sie in diesem Zustand." Allmählich konnte man erste Erfolge von Anordils Bemühungen entdecken. Die wächserne Blässe wich aus Rellenas Gesicht. Langsam nahm sie wieder eine gesunde Farbe an.

Anordil entfernte einen der Verbände, um seine Zauber zu überprüfen. Zufrieden nickte er. Rellenas Atem ging wesentlich ruhiger. "Sie wird bis morgen früh schlafen", sagte er ein wenig erschöpft, "bietet ihr immer wieder Wasser an. Aber in kleinen Schlucken. Wenn sie wach ist, ruft mich. Unser Zimmer ist am Ende des Ganges rechts." Er verbeugte sich leicht und bedeutete Arwen ihm zu folgen.

Ich wachte an Rellenas Lager. Nach einiger Zeit kamen meine Gefährten aus dem Schankraum herauf. Außer Ulef. Er hatte es sich wohl auf dem Tisch selber bequem gemacht. Was nicht weiter schlimm war. Somit konnte er mit seinen doch lauten Schlafgeräuschen nicht die notwendige Ruhe Rellenas stören. Dagobar und Radamar gaben keinen Laut von sich, als sie zu ihren Lagern schlichen. Ab und zu gab ich Rellena Wasser. Mit Heraufziehen der Morgendämmerung erwachte sie. "Oh, Legolas", flüsterte sie mit kratziger Stimme, "was ist geschehen? Ich erinnere mich nicht." "Du warst schlimm verwundet", antwortete ich sanft, "einer der fähigsten Elbenheiler hat dich geheilt. Wir begegneten ihm zufällig. Warte - ich werde ihn holen, damit er nach dir sehen kann." Ich eilte zum Raum am anderen Ende des Flures, wo ich leise an die Tür klopfte. Sekunden später wurde mir diese von Anordil geöffnet. "Suilad, mellyn", grüßte ich, "Rellena ist wach." Unverzüglich folgten die beiden mir.

Rellena blickte uns entgegen. "Seid gegrüßt, Rellena", begrüßte Anordil sie, "wie fühlt ihr euch?" "Ich fühle mich, als wäre ich unter einen Troll geraten", antwortete sie, "ich danke euch für meine Heilung." Anordil untersuchte sie kurz. "Es wird ein paar Tage dauern, bis du wieder richtig gesund bist", sagte er zu ihr, "aber du kannst reisen. Nur in der nächsten Zeit keine Kämpfe." Ihre Gefährten umringten sie. "Wie können wir euch danken", fragte Radamar. Tränen der Freude schimmerten in seinen Augen. "In dem ihr uns helft, Einsicht in eine Schriftrolle zu erlangen", sagte Arwen rasch. Neugierig sah Radamar sie an. "Die große Bibliothek hier in Fornost ist im Besitz einer Schriftrolle, die wir einsehen möchten", antwortete sie, "leider bekommt nur derjenige Zutritt zu den Archiven, der Mitglied des Ordens der Gelehrten ist." In mir keimte die Neugier auf. Was wollten die beiden aus den Archiven der Bibliothek? Radamar nickte verstehend. "Ich denke, es wird mir gelingen. Als Priester gehöre ich sowieso dem Orden der Gelehrten an, gleich welchem Gott ich diene. Vielleicht wird es aber eine Weile dauern, bis ich das richtige gefunden habe." "Uns interessiert ein altes Artefakt", erläuterte Anordil vorsichtig, "es wird Torstein genannt. Bekommt darüber heraus, was möglich ist." Ohne ein weiteres Wort zu verlieren schloss Radamar seinen Umhang über der Robe und ging zur Tür hinaus. Was wollten die beiden mit einem Torstein, dachte ich bei mir. Ich hatte von diesen Artefakten gehört. Sie waren äußerst selten und außerordentlich gefährlich.

"Welchen Weg werdet ihr jetzt einschlagen", fragte ich die beiden. "Das wissen wir bis jetzt nicht", gab Arwen zur Antwort, "das wird davon abhängen, was Radamar herausfindet." "Ihr seid doch wahrscheinlich seit einer Weile hier", hob Anordil an, "so dass ihr uns helfen könnt. - Ich suche einen Händler für gewisse Substanzen. Ich möchte meinen Vorrat ein wenig ergänzen. Und Arwen benötigt neue Saiten für ihre Laute. Die letzten hat sie gestern aufgezogen." "Ich werde euch geleiten", sprach ich. Vielleicht konnte ich dabei ein wenig mehr über sie herausfinden. Mit leichter Bewaffnung verließen wir das Gasthaus. Auf dem Markt gab es nahezu alles zu kaufen, was Mittelerde bot. Wir ließen uns Zeit und streiften ein wenig herum. Leider wurde meine Neugier nicht befriedigt. Alle meine Versuche wurden geschickt abgeblockt. Gegen Mittag trafen wir wieder im Gasthaus ein. Anordil und Arwen verschwanden in ihrer Unterkunft. Sie hatten die Absicht, aufzubrechen, sobald sie Nachricht von Radamar bekamen.

Es war gegen Abend, als dieser zurückkehrte. Er sah erschöpft aus. "Nun, Freund Radamar", hob ich an, "was habt ihr erfahren?" "Ihr Elben seid die neugierigsten Wesen, die ich kenne", lächelte er müde, "lasst mich doch erst Atem schöpfen. - Es war nicht besonders leicht etwas über dieses merkwürdige Artefakt herauszufinden. Der hiesige Orden ist fremden Priestern gegenüber äußerst misstrauisch. Einige Zeit habe ich mit Suchen vertan, da mir nicht genau klar war, nach was ich suchen musste. Als ich endlich eine vage Ahnung über das Objekt hatte, ging es ganz leicht. Ich entdeckte eine Schriftrolle, die Hinweise enthielt. Da niemand sich im Raum aufhielt, konnte ich eine Abschrift fertigen, die ich vorhin Herrn Anordil überlassen habe. Dieses Artefakt, was die beiden suchen, ist wohl als letztes im Besitz eines alten Elbenmagiers gewesen. Dieser lebt wohl noch in Imladris. Wobei ich mich frage, wo das wohl sein mag." "Ich kann es dir sagen, Freund", lächelte ich ihn an, "Imladris bedeutet in der Elbensprache Bruchtal. Der edle Elrond ist Herrscher dieser Elbenenklave. Ich selber war noch nicht dort. Denn es ist äußerst schwierig zu finden. - Selbst für Elben." "Ich habe Herrn Anordil gebeten, dass wir an seiner Seite reisen dürfen", sagte Radamar verschmitzt, "wir sind in seiner Schuld. - Und ich bin auf dieses Artefakt sehr neugierig. Er war damit einverstanden. - Jedenfalls für ein Stück des Weges."

Als wir am nächsten Morgen die Treppe herunter kamen, standen Anordil und Arwen schon abmarschbereit im Schankraum. Ohne viele Worte zu verlieren, verließen wir die Stadt. Das Tempo war eher gemächlich. Wir folgten dem Grünweg, einer alte Handelsstraße, nach Süden. In fünf Tagen würden wir Bree erreichen. Auf dem Weg dorthin wurden wir in ein kleineres Scharmützel mit einer Horde Orks verwickelt. Der Kampf war nur von kurzer Dauer. Allerdings fiel mir dabei Arwens Kampftechnik auf. Es sah äußerst merkwürdig aus, wie sie ihren Kampfstab und ihre Schwerter handhabte. Solch eine Kampfweise hatte ich noch nie gesehen. Aber es war wirkungsvoll. Jedenfalls tötete sie erfolgreich eine Handvoll Orks.

Als wir in Bree ankamen, kehrten wir im "Tänzelnden Pony" ein. Der Wirt gab uns einen Gemeinschaftsschlafraum. Er strahlte, als er Arwens Laute erblickte. An diesem Abend unterhielt sie als Bardin die Leute. Beim Betreten des Schankraumes, bemerkte ich eine düster wirkende Gestalt, die in einer der vielen Nische saß. Wo der Umhang nicht den Körper bedeckte, sah man schwarzes, schäbig wirkendes Leder. Die Kapuze des schwarzen wollenen Umhangs war weit nach vorne gezogen. Schatten umspielten das Gesicht. Ruhig und bedächtig zog die Gestalt an der Pfeife. Ich hatte die aufflammende Glut nicht nötig, um Aragorn zu erkennen. Lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Zuletzt vor zwei Sonnenläufen in Lond Daer, an der Mündung des Gwathló. Ich fragte mich, was er hier suchte. Er nickte uns Elben nur kurz zu. Anscheinend wollte er nicht erkannt werden. Folglich ging ich ohne große Regung an ihm vorbei.

Wir setzten uns an einen Tisch in der Nähe des Feuers. Nur Ulef hatte sich an einen anderen Tisch zu einer Handvoll Nordländern gesetzt. Sie unterhielten sich angeregt. Etwas später teilte er uns mit, dass er uns morgen verlassen wolle. Während einer Atempause trat Arwen an den Tisch und langte nach einem Becher Wasser. "Ulef wird uns morgen verlassen", erzählte ich ihr die Neuigkeit, "er hat andere Nordländer gefunden, die auf Schätze aus sind. Er wird mit ihnen ziehen." "Und was ist mit euch und den anderen", fragte sie. "Wir werden weiter mit euch reisen", antwortete Radamar, "Dagobar, Rellena und ich wollen nach Esgaroth. Und vielleicht von dort aus nach Hause zum Meer von Rhûn. Soweit ich weiss, will Legolas zurück in den Düsterwald." Ich nickte bestätigend. "Ich war lange Zeit weg von zu Haus", antwortete ich, "es ist Zeit zurückzukehren und wieder einmal Ruhe zu finden." Anordil hatte sich in der Zwischenzeit unauffällig mit Aragorn unterhalten. Sie schienen sich ebenfalls zu kennen. Kurze Zeit später kehrte er an unseren Tisch zurück. "Streicher sagte mir, dass der Weg nach Imladris einigermaßen frei sei", erzählte er, wobei er für Aragorn dessen Synonym verwendete, "auf der Höhe der letzten Brücke treiben sich wohl ein paar Orks herum. Und bei den Trollhöhen wurden zuletzt einige Trolle gesehen. Mit denen dürften wir fertig werden. Wir werden also weitgehend unbehelligt unser Ziel erreichen." Folglich kam Aragorn aus Bruchtal. Er war dort aufgewachsen und von Elrond erzogen worden. "Dann sollten wir morgen bei Anbruch des Tages weiterziehen, Anordil", sprach ich ruhig.

Arwen betrachtete Aragorn aufmerksam. Sie platzte schier vor Neugier. In dieser Hinsicht konnte sie es wohl mit jedem Elben aufnehmen. Kurze Zeit später bemerkte ich, dass Arwen an seinen Tisch ging. Was gesprochen wurde, konnte ich nicht vernehmen. Augenblicke später sang Arwen die Ballade von Beren und Lúthien. Am Ende flocht sie einen paar neue Zeilen auf Sindarin ein. Klar tönte ihre Stimme durch den Schankraum.

‚O mórhenion i dhû: Ely siriar, èl síla. Anìron Undómiel. Tiro! Èl eria e mòr. I 'lîr en èl luitha 'uren. Anìron ... - Durch die Dunkelheit verstehe ich die Nacht. Träume fließen, ein Stern leuchtet. Ich begehre Abendstern. Sieh her! Ein Stern erhebt sich aus der Dunkelheit. Das Lied dieses Sternes verzaubert mein Herz. Ich begehre ...'. Als ich die Bedeutung der Worte erfasste, wurde ich merklich unruhig. Woher wusste sie von der Liebe zwischen den Beiden? Nur wenigen Elben war es bekannt und diese schwiegen Fremden gegenüber.

In diesem Moment zuckte Aragorn sichtlich zusammen. Blitzschnell hielt er Arwens Hand fest. Durchbohrend blickte er sie an, als er ihr etwas zu wisperte. Ihre Antwort unterbrach er mit einer raschen Armbewegung. Nachdrücklich sah sie ihn an und sprach zu ihm, bevor sie sich rasch von dessen Tisch entfernte. Sie brauchte sichtlich einige Zeit, um sich zu fangen, dann spielte sie gelassen weiter. Ich bemerkte, dass Aragorn sie den Rest des Abends aufmerksam beobachtete.

In der Nacht spürte ich Aragorns Anwesenheit neben mir. "Draußen bei den Pferden", murmelte er. Minuten später trafen wir uns am Stall. "Sei gegrüßt, Legolas", sagte er leise, "es ist lange her, dass wir uns begegneten." "Zwei Sonnenläufe sind für Menschen eine lange Zeit", antwortete ich, "ich entbiete dir meinen Gruß." "Sage mir, Freund Legolas, was weisst du über deine Weggefährtin, die sich Arwen nennt", fragte er, "sie hat wohl die Gabe des zweiten Gesichtes, wie mein Ziehvater Elrond. Denn was sie mir sagte, kann kein anderer wissen." Neugier keimt in mir auf. Ich wusste wohl, dass dies bei Aragorn vergebens war. "Leider weiss ich nicht viel über sie", entgegnete ich bedauernd, "sie ist die Weggefährtin Anordils, obschon nicht seine Gemahlin. Sie muss einige Zeit in den Häusern des Elbenvolkes verbracht haben, denn ihre Stimme wurde von Elben ausgebildet. Desgleichen deutet ihr Spiel darauf hin. Ihre Kampftechnik ist merkwürdig, aber gemischt mit der des Elbenvolkes. Sie handhabt ihren Kampfstab und auch ihre Schwerter in einer Weise, wie ich sie nie zuvor sah. Mehr kann ich nicht über sie berichten. Vielleicht kann es Anordil." "Habt Dank, Legolas, für eure Auskunft", erwiderte Aragorn leise, "ich werde Anordil nach ihr fragen. Möge ein Licht über deinem Pfad leuchten, bis wir uns wiedersehen." "Atenio, Aragorn", grüßte ich zurück, "vielleicht kreuzen sich unsere Wege wieder." Aragorn verschwand in der Dunkelheit. Er hatte mich zum Nachdenken gebracht. Wer war diese Frau? Was verbannt sie mit Anordil? Vielleicht konnte ich die beiden lange genug begleiten, um auf meine Fragen eine Antwort zu finden.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Ulef. Trotz seiner rauhbeinigen Art war er ein guter Weggefährte gewesen. Wir würden ihn alle vermissen. Schließlich wurde es für uns Zeit aufzubrechen. Wir nahmen die Große Oststraße und zogen an den Mückenwassermooren vorbei. Unser Weg führte uns durch die Ebene En Eredoriath. Normalerweise gingen wir hintereinander, um bei eventuellen Überfällen gerüstet zu sein. Anordil ging an der Spitze und ich bildete die Nachhut.

Nachdem wir einige Stunden gewandert waren, schloss ich zu Arwen auf. "Streicher hat nach dir gefragt", sagte ich leise. "Und", fragte sie zurückhaltend. Forschend sah ich sie an. "Er wollte wissen, wer du bist." "Was hast du ihm gesagt", entgegnete sie ruhig. "Du hießest Arwen Ceridwen und seiest die Weggefährtin von Anordil." "Das ist ja auch richtig. Aber er war wohl nicht zufrieden mit der Antwort?" Ich schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, er war absolut nicht zufrieden. Ich habe ihn an Anordil verwiesen. Ich wollte es dir nur mitteilen." Damit ließ ich mich wieder ein Stück zurückfallen. Arwen sah beunruhigt aus. Bei der Rast einige Stunden später sprach Anordil in dieser unbekannten Sprache mit ihr. Zu gerne hätte ich den Wortlaut verstanden. Doch ich hörte nur die Namen von Arwen Undómiel, Aragorn und Isildur. Nach einer Weile beendete Anordil das Gespräch. Er stand auf und übernahm wieder die Vorhut. Nachdenklich blickte Arwen ihm nach.

Nach zehn Tagen sahen wir das Gasthaus zur letzten Brücke vor uns liegen. Es war unvermutet ruhig. Die umlaufende Palisade war verbarrikadiert. Erstaunt schauten wir uns an. Für ein Gasthaus war dies eine ungewöhnliche Praxis. Gewöhnlich waren die Tore bis Anbruch der Dunkelheit offen. Doch dieses war geschlossen.

Vorsichtig näherten wir uns dem Tor. Unsere Waffen lagen locker in der Hand, als wir unvermittelt angerufen wurden. "Halt, wer da", tönte es von der Palisade. "Reisende auf dem Weg nach Osten", antwortete Anordil, "wir möchten Unterkunft für eine Nacht." Ein helmbewehrter Kopf wurde über der Palisade sichtbar. Der Junge, der ihn trug, zählte vielleicht fünfzehn Sonnenläufe, aber er hatte eine geladene Armbrust im Anschlag. "Wer sagt mir, dass ihr keine bösen Absichten habt", sagte er misstrauisch. "Ich bin Anordil, Sohn des Glordoron, des Herrn von Cillien", sprach Anordil laut, "bei meiner Ehre als Sinda, wir kommen in Frieden." Plötzlich sah man hinter dem Jungen eine Hand auftauchen, die ihm heftig eine Ohrfeige gab. "Was fällt dir ein, Leddon! Das ist der Bruder von Luvalaes Glordorion, dem Barden. Kannst du keine rechtschaffenden Leute mehr erkennen", schimpfte eine Frauenstimme, "du wirst sofort das Tor öffnen und dich entschuldigen." Der Junge duckte sich, um nicht eine weitere Ohrfeige zu kassieren und beeilte sich, das Tor zu öffnen. Keine Minute später konnten wir ungehindert den Hof betreten.

Ein großes Gebäude mit Stallungen lag vor uns, welches vollständig von einer Palisade umgeben war. "Willkommen im Gasthaus zur letzten Brücke", begrüßte uns eine leicht untersetzte Frau mittleren Alters mit dunkel geränderten Augen, die von zu wenig Schlaf kündeten, "entschuldigt bitte den groben Empfang. Seit einiger Zeit treiben sich hier Orkhorden herum. - Zu allem Überfluss sind meine Töchter bisher nicht aus Cameth Brin zurück gekehrt. Die beiden sind jetzt zwei Tage überfällig und ich mache mir große Sorgen." Wir betraten das Gasthaus. Augenscheinlich war es ein gut geführtes und sauberes Haus. Der Schankraum war ordentlich gefegt. Die Tische glänzten frisch. Aus der Küche kam der Duft von gebratenem Hähnchen.

"Wir haben Plätze in einem der Gemeinschaftsräume frei", sagte die Wirtin. Wir sechs mussten uns den Raum mit weiteren vier Reisenden teilen. Wir ließen nichts von Wert zurück, als wir hinunter in den Schankraum gingen.

In der Zwischenzeit waren weitere Reisende eingetroffen. Einige Händler und anderes Volk hatten sich im Schankraum niedergelassen. Offensichtlich waren Bauern wie auch Holzfäller aus der Umgebung dabei. Mit einem der Reisenden unterhielten sich die Wirtsleute besorgt. Es war ein großer, gut gebauter Mann. Barde, seinen Instrumenten nach zu urteilen. Sein Gebaren wirkte arrogant. Mein Gespür sagte mir, dass dieser Barde etwas zu verbergen hatte. Neben ihm stand ein Waldläufer. Dieser sah ähnlich verschlagen aus. Arwen hatte wohl einen Teil der Unterhaltung mitbekommen.

An unserem Tisch fragte sie Anordil: "Sag, was machen Orks mit ihren Gefangenen?" Sorgenvoll blickte sie drein. "Sie mästen sie einige Tage und danach kommen sie auf den Speiseplan", antwortete er ihr. "Und mit jungen Mädchen", fragte sie weiter. "Entweder, wie Anordil sagte, auf den Speiseplan oder sie werden für ein dunkles Ritual benötigt. Besonders wenn es Jungfrauen sind", antwortete ich düster. Anscheinend hatte ich ihr den Appetit verdorben. Jedenfalls pflückte sie nur noch lustlos an ihrem Hähnchen herum, obwohl es hervorragend gewürzt und besonders zart war. "Ich werde nachher kurz mit dem Wirt reden", sagte Anordil, "heute Nacht können wir sowieso nichts mehr ausrichten. Wenn die Wirtin Recht hat, wird es bald von Orks hier nur so wimmeln." Er sprach nach dem Mahle mit dem Wirt. Sie kamen überein, dass wir am nächsten Morgen eine Suche in Richtung Cameth Brin unternehmen würden, um den Verbleib der beiden Töchter zu klären.

Gegen Mitternacht wurde es ruhig im Gasthaus. Anordil und ich hielten Wache an den Fenstern unseres Gemeinschaftsraumes. Kurz nach Mitternacht konnte ich eine Bewegung zwischen den Bäumen ausmachen. Eine rasche Armbewegung von mir ließ Anordil in die Richtung schauen. Mit einem leisen Warnpfiff weckte ich die anderen. Arwen glitt elegant aus dem Bett und langte nach ihren Waffen. Sie musste wahrlich eine Schule der Elben durchlaufen haben. Und dies nicht nur musikalisch. Gemeinsam stürmten wir zur Palisade. In der Dunkelheit konnte ich große Gestalten erkennen. Ein Duft von Ork wehte herüber.

"Yrch", flüsterte Anordil Arwen zu, "und es sind ein paar Warge dabei." "Drei, um genau zu sein", ergänzte ich und spannte prüfend meinen Bogen. Plötzlich erfüllte ein schreckliches Geheul die Luft. "Der Kriegsschrei der Orks", rief Dagobar, sprang von der Palisade herunter und stürmte mit Radamar den Orks entgegen. Über soviel Leichtsinn konnte ich nur den Kopf schütteln. Doch es entsprach ihrer Art. Aus irgend einem Grunde suchten sie die Nähe des Todes. Bisher hatte ich nicht herausgefunden, warum. Ich spannte meinen Bogen und schoss. Neben mir hörte ich Pfeile zischen. Anordil und Arwen hatten ebenfalls geschossen. Sie traf bemerkenswert gut, obwohl sie nur ein Mensch war. Wir dagegen hatten die Schnelligkeit des Elbenvolkes und daher waren es in der gleichen Zeit zwei Pfeile, die wir den Orks entgegen senden konnten. Und wir trafen gut, wie das wütende Gebrüll vor uns berichtete. Andere Reisende sowie die Wirtsleute hatten sich ebenfalls auf die Palisade gestellt. Pfeilsalven schossen den Orks entgegen. Im Licht einer Feuerkugel, die nur von Radamar stammen konnte, erkannte ich zwei der Warge. Ein paar Sekunden später explodierte die Kugel und versengte den beiden den Pelz. Der eine brach, zusätzlich getroffen von drei Pfeilen von Arwen und mir, zusammen. Er zuckte kurz, bevor er sich nicht mehr rührte.

Der andere Warge war durch die Feuerattacke erheblich wütender geworden. Er stürmte auf die Palisade zu und durchbrach sie zusammen mit fünf Orks. Anordil neben mir zog seine Kurzschwerter. Anschliessend sprang er von der Palisade herunter, den Orks entgegen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Arwen ihm folgte. Ich verschoss weitere zwei Pfeile, bevor ich mich ebenfalls von der Palisade herunterschwang. Lautes Kampfgetümmel war von der linken Seite her zu hören. Dorthin waren Dagobar und Radamar vorhin verschwunden. Ich dachte mir, dass sie dort Unterstützung gebrauchen könnten.

So war es auch. Als ich um die Ecke bog, war Dagobar bereits in einen heftigen Kampf mit drei Orks verstrickt. Radamar versengte einem Wargen just den Pelz mit einer enormen Feuerkugel. Von der Explosion wurden einige Orks mit erfasst. Die Hitzewelle konnte ich bis zu mir spüren. Dann war ich bereits in einen Kampf verwickelt. Eine Horde Orks kam auf mich zugestürmt. Wie viele es waren konnte ich nicht sagen. Zum Zählen blieb mir keine Zeit. Ich war zu sehr damit beschäftigt auszuweichen und selber anzugreifen. Orkblut spritzte durch die Gegend. Immer wieder hörte ich die Explosion von Feuerkugeln, deren Hitzewellen deutlich zu spüren waren. Blitze zuckten durch die Nacht. Radamar leistete gute Arbeit. Ich fragte mich immer wieder, wie ein Mensch solche Zauberkraft entwickeln konnte. Plötzlich war der Kampf vorbei. Der Boden war übersät mit Orkleichen. Einen Wargen konnte ich zu Füßen von Dagobar erkennen. Wild blickte er sich um, ob nicht weitere Angreifer kämen, bevor er sich endlich entspannte. Erleichtert lachte er auf. Sein Bruder Radamar klopfte sich Asche von den Fingern. Etliche Brandflecke zierten jetzt seine Robe. Gemeinsam gingen wir durch das nun geöffnete Tor in den Hof zurück. Orkblut besudelten mein Gewand. Doch kein Schwert hatte mich getroffen. Diesmal hatte ich Glück gehabt. Dagobar an meiner Seite schwang zufrieden sein riesiges Langschwert. Radamar hatten die Zauber arg erschöpft. Ein paar waren offensichtlich misslungen. Anordil stand hoch aufgerichtet in der Mitte des Hofes und säuberte seine Schwerter. Arwen stand in einer Blutlache, die wohl nicht von ihr stammte. Etliche Orks und ein Warge lagen um sie verstreut. Auch ihr Gewand war von dunklen Blutspritzern übersät. Die Wirtin und Rellena versorgten die Verwundeten.

Wir sammelten uns. "Diese Orkpatrouille wird keinen Bericht mehr erstatten können", sagte ich zufrieden, während ich die Schwerter sorgfältig abwischte. "Sie werden nie wieder jemanden angreifen können", ergänzte Anordil, "wir sollten uns mit der Dämmerung aufmachen und die Mädchen suchen. Vielleicht sind sie ja in der Nähe." Wir nickten zustimmend. Die Aufräumarbeiten überließen wir den anderen. Statt dessen legten wir uns für zwei Stunden schlafen. Jedenfalls die Nichtelben. Vor allem Radamar konnte die Ruhe dringend gebrauchen.

Mit der Morgendämmerung brachen wir auf. Wir bemerkten, dass der Barde und sein Waldläufergefährte mit ihren Leuten ebenfalls gegangen waren. Den Spuren nach waren sie nach Bree unterwegs. Wir machten uns auf den Weg Richtung Norden auf Cameth Brin zu. Immer entlang des Ostufers des Mitheithel. Die Spuren der Orks waren deutlich sichtbar. Sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, sie zu verwischen. Gegen Mittag erreichten wir eine aufgewühlte Lagerstätte. Dort waren viele Orkspuren im Gras vorhanden.

Wir Elben umkreisten das verlassene Lager in einem weiten Bogen. "Hier waren viele Orks. Ein Teil von ihnen ist Richtung Norden, der andere Teil Richtung Süden gezogen", berichtete Anordil, "wir haben, bei denen die in den Norden zogen, Spuren der Mädchen gefunden. Die nach Süden gingen, müssen die gewesen sein, die das Gasthaus überfallen haben." "Wie frisch sind die Spuren", fragte Arwen. "Nach Süden hin sind sie von gestern", antwortete ich und deutete in die Richtung, "die nach Norden sind genauso alt." "Also leben die Mädchen", fragte Dagobar. Anordil nickte verhalten. "Sie leben möglicherweise", bestätigte er, "sie sind seit mehreren Tagen in Gefangenschaft. Wenn sie jetzt noch leben, sind sie wohl für ein Ritual vorgesehen." "Gibt es denn in der Nähe eine Tempelstätte", fragte Radamar besorgt. "Drei Tagesreisen von hier gibt es ein verfallenes Schloss, das Herubar Gûlar genannt wird", entgegnete ich, "es gehörte einem Hexenfürsten im Dienste des Hexenkönigs von Angmar. Seit vielen Jahrhunderten ist es verlassen. Ab und zu treiben sich ein paar Orks dort herum. Angeblich soll dort eine Zeremonienstätte für dunkle Magie vorhanden sein." "Die Orks haben ungefähr einen Tag Vorsprung. In drei Tagen ist Vollmond. Dies ist ideal für ein Ritual", sagte Radamar beunruhigt, "wir sollten uns beeilen. Sonst sind die Mädchen nicht mehr zu retten."

Wir verloren keine Zeit mit unnützem Reden, sondern setzten uns auf die Spur der Orks. Sie hatten ein gehöriges Tempo vorgelegt, wie man aus den Spuren sehen konnte. Rast machten wir nur, wenn es unbedingt nötig war. Die Spuren vor uns wurden immer frischer. Als wir nur ein paar Stunden hinter ihnen waren, verlangsamten wir unser Tempo ein wenig. Es wäre nicht ratsam, wenn sie uns jetzt wahrnehmen würden. Gegen Abend des zweiten Tages sahen wir die Ruine in der Ferne. Wir wurden vorsichtiger. Radamar würde auskundschaften gehen. Er war als einziger der dunklen Sprache der Orks mächtig. Wir Elben gaben ihm Deckung.

Was er zu berichten hatte, beunruhigte uns zutiefst. "Wir müssen beim ersten Tageslicht die Mädchen befreien", sagte er, "das Ritual ist für morgen Nacht geplant. Anscheinend soll ein gewaltiger Dämon beschworen werden. Wir haben zehn Orks gesehen. Wieviele im Turm und in den unterirdischen Katakomben sind, wissen wir nicht. Wir gehen von noch einmal so vielen aus. Anscheinend erwarten sie aber jemanden. Ein gewisser Ar-Gular soll morgen eintreffen. Wahrscheinlich wird er das Ritual durchführen." Anordil zeichnete einen Grundriss in die Erde. "Hier ist der Burgfried. Er wird anscheinend von den Orks gemieden. Sie gehen dort nur hin, um die Wache abzulösen. Vermutlich sind aber unter diesem die Kerker und damit die Mädchen. Zwei der vier Wachttürme sind zerfallen. In einem hat Legolas Wasser gesehen. Der andere war fast vollständig zerstört. In diesem Turm hat sich eine Horde Crebains niedergelassen. Im vierten Turm, hausen die Orks. - Ich würde vorschlagen, dass wir in zwei Gruppen vorgehen. Die eine Gruppe besteht aus Radamar, Dagobar und Legolas. Sie sollten sich um die Orks im vierten Turm kümmern. - Arwen, Rellena und ich werden zum Burgfried gehen und versuchen, die Mädchen zu holen. Vielleicht haben wir Glück und es sind nicht viele Orks auf Wache. - Wir sollten auf alle Fälle versuchen, jetzt ein wenig zu schlafen." Anordils Vorschlag wurde von den anderen angenommen. Die Aufteilung in zwei Gruppen erschien mir, angesichts dieser Situation, äußerst sinnvoll. Selbst ich hätte es nicht anders gemacht.

In der Morgendämmerung weckten wir die anderen. Jeder verharrte kurz. Die meisten sprachen wohl ein kurzes Gebet an ihre Götter. Dann war es soweit. Anordil verschwand mit Arwen und Rellena in Richtung des Burgfriedes. Radamar und Dagobar folgten mir. Lautlos bewegten wir uns auf die Ruine zu. Bedrohlich wuchs sie aus dem Wald hervor.

Wie Schatten bewegten wir uns auf den Turm zu. Ich sah, wie Anordil mit Rellena und Arwen im Burgfried verschwanden. Jetzt lag es an uns, ihnen den Rücken frei zu halten. Vorsichtig spähte ich durch eines der schmalen Fensternischen in den Turm hinein. Ich zählte knapp zwanzig Orks. Das würde uns reichlich beschäftigen. Wir warteten ein wenig. Letztendlich wollten wir die Aufmerksamkeit nicht zu früh auf uns lenken. Anordil benötigte schließlich Zeit. Die Minuten verstrichen. Dagobar wurde langsam ungeduldig. Dann gab ich das Zeichen. Radamar öffnete die Tür und ließ uns den Vortritt. Blitzschnell verschoss ich meine Pfeile. Drei Orks konnte ich innerhalb der ersten paar Sekunden töten. Dagobar verwickelte vier in einen Kampf. Radamar verschoss Blitze. Einen Ork konnte er damit zu Asche verwandeln. Den anderen setzte er mit seinen Feuerkugeln arg zu. Beinahe hätte er mich damit erwischt. Eine Hitzewelle fegte über mich hinweg, als ich den Ork zu meiner Linken tötete. Aus den Augenwinkeln sah ich wie Dagobar einen schweren Stand gegen die vier Angreifer hatte. Endlich gewann er die Oberhand. Sekunden später stürzte einer von ihnen tödlich getroffen zu Boden. Dagobar hatte mit einem gewaltigen Hieb den Brustkorb des Orks gespalten. Minuten später folgte ein weiterer seinem toten Kameraden. Gegen die verbleibenden zwei wehrte sich Dagobar erbittert.

Meine Gegner hatten sich in der Zwischenzeit auf vier reduziert. Die Leichen der übrigen drei lagen um mich verstreut. Orkblut machte den Boden rutschig. An mir waren die Attacken ebenfalls nicht ganz spurlos vorüber gegangen. Ich blutete aus einer Handvoll geringfügiger Fleischwunden. Die vier Orks vor mir machten mir das Leben, eher gesagt das Überleben, nicht besonders leicht. Sie waren äußerst geschickt und setzten ihre Waffen gezielt ein.

Ein Ork flüchtete die Treppe hinauf. Radamar attackierte ihn verbissen. Dagobar blutete mittlerweile stark aus vielen Wunden und er kämpfte weiterhin erbittert mit zwei Orks. Lange würden wir das nicht mehr durchhalten. Ich verstärkte meine Angriffe und konnte den Vieren vor mir erhebliche Wunden zufügen. Allmählich wurden ihre Attacken langsamer. Aus den Augenwinkeln sah ich plötzlich Anordil und Arwen aus einer Luke im Boden klettern. Sekunden später hatten sie ihre Bögen im Anschlag. Hinter ihnen folgte Rellena mit zwei Mädchen. Diese drängten sich Schutz suchend an sie. Mit zwei gezielten Pfeilen töteten Anordil und Arwen den einen Ork, der auf Dagobar einschlug. Der andere war überrascht über die Attacke, aber er schlug danach nur noch härter auf Dagobar ein. Dieser hatte für einen kurzen Augenblick seine Deckung offen, was von dem Ork gnadenlos genutzt wurde. Dagobar stieß einen fürchterlichen Schrei aus, bevor er zusammenbrach. Es ging mir durch Mark und Bein.

In diesem Moment verlor einer der Orks vor mir seinen Kopf. Sein überraschter Aufschrei ging in einem Gurgeln unter. Eine schwarz-grünliche Blutfontäne schoss aus dem Rumpf. Sekundenbruchteile später löste sich ein gewaltiger Blitz aus Radamars Händen und töteten den Ork, der oben den Treppenabsatz erreicht hatte. Er fiel aus ungefähr zehn Fuß Höhe zu Boden. Es gab einen dumpfen Knall, als er aufschlug. Der Ork, der Dagobar niedergestreckt hatte, lachte triumphierend. Doch nicht lange. Tödlich getroffen stürzte er über seinem Kameraden zusammen. Ein weiterer Blitz von Radamar war in ihn gefahren und zusätzlich ragten jetzt zwei Pfeile aus seinem Brustkorb auf. Arwen und Anordil stürzten mit gezogenen Schwertern auf die restlichen Orks, die mich bedrängten. Jetzt war es ein kurzer Kampf. Jeder von uns hatte einen Ork. Eine fairere Verteilung.

Nach ein paar Minuten standen wir schwer atmend da. Der Boden war eine einzige Blutlache. Orkblut vermischte sich mit Menschenblut. Außer unserem Atem war nichts mehr zu hören. Kein Orkgebrüll drang an unsere Ohren. Rasch blickten wir uns um, doch es kamen keine Gegner mehr nachgestürmt. Erst jetzt stürzten wir zu Dagobar. Rellena hatte sich bereits über ihn gebeugt und versuchte ihre Heilkünste anzubringen. Nach einigen Minuten schüttelte sie bedauernd den Kopf. Dagobar sah schon reichlich wächsern aus. Rasch war er ausgeblutet. Das schwarzgrüne Orkblut, dass ihn zusätzlich besudelte, gab ihm ein gespenstisches Aussehen.

Von Entsetzten gelähmt beugte sich Radamar über seinen Bruder. Er drückte Dagobar die, wie Glasmurmeln wirkenden, Augen zu. Vorsichtig nahm er die Amulette seines Bruders und ging drei Schritte zurück. Tief atmete er durch und richtete sich hoch auf. "Ein großer Kämpfer ist von uns gegangen", intonierte er leise, "wir wollen seinen Tod ehren." Tränen schimmerten in seinen Augen. Anordil schüttelte jedoch bedauernd den Kopf. "Tut mir leid, Radamar", unterbrach er ihn leise, "wir haben jetzt keine Zeit ihn zu beweinen." Radamar nickte verstehend und wischte sich die Tränen fort. "Aber er wird trotzdem ein Grabmal erhalten, das eines Kriegers würdig ist", flüsterte er grimmig und ging nach draußen. Rasch folgten wir ihm.

Draußen sammelte er seine verbliebenen Energien und zauberte mehrere Feuerkugeln, die er ins Innere des Turmes schleuderte. Mit einem lauten Knall explodierten sie. Der gesamte Turm geriet in Brand. Schwarze Rauchwolken waberten auf. Aus den Fenstern im Burgfried sahen einige Orks heraus. Sie heulten, als sie begriffen, was wir angerichtet hatten. Jedoch wagten sie sich nicht ins Tageslicht hinaus. So konnten wir einige Minuten dem einstürzenden Turm zusehen und ein kurzes Gebet für Dagobar sprechen.

Danach schlugen wir den Weg zurück ein. Anordil teilte uns mit, dass ein Trupp Leute auf dem Weg hierher sei. Arwen und er hatten es bemerkt, als sie im Burgfried waren und mit dem Fernrohr aus der dortigen Bibliothek die Umgebung erkundeten. Das deckte sich mit dem, was Radamar am Tag zuvor belauscht hatte. Wir entfernten uns, in dem wir zwar nach Süden gingen, aber den Weg mieden. So rasch, wie es uns möglich war, versuchten wir vorwärts zu kommen. Uns Elben oblag es die Spuren hinter uns zu verwischen. Wer uns folgen wollte, sollte es nicht allzu leicht haben.

Nach dem wir die Mädchen wohlbehalten im Gasthaus zur letzten Brücke abgeliefert hatten, machten wir uns auf unseren Weg Richtung Imladris. Die Trollhöhen passierten wir bei Tag. Nach den Erlebnissen der letzten Tage hatten wir an einer Begegnung mit den Hügeltrollen wahrlich kein gesteigertes Interesse. Unsere Reise verlief jetzt recht ruhig. Unsere Nachtruhe wurde ab und zu durch umherziehende Wölfe gestört und in der dritten Nacht hatten wir ein heftiges Zusammentreffen mit einer Chetmig. Leider wurde Arwen von dieser Großkatze arg verwundet. Eigentlich hatten wir abgesprochen, uns hier von Arwen und Anordil zu trennen. Aber aufgrund dessen, das sie böse verletzt war und wir übrigen Anordil wohl vertrauenswürdig erschienen, beschloss er den Weg nach Imladris mit uns zusammen zu wagen. Wir würden weitere vier Tagen bis zum Erreichen des Zieles benötigen. Anordil führte unsere Gruppe. "Es gibt nicht viele, die den Weg nach Imladris wissen", sagte er, "ihr werdet hiernach dazu zählen. Doch ihr dürft es nicht verraten. Imladris liegt versteckt und ist mit Magie geschützt. Nur der Wissende oder der Reisende der dringende Hilfe benötigt, wird es finden. - Sofern die Wachen dies zulassen. - Es ist gleichfalls möglich, dass ihr nach diesem Besuch den Weg vergesst, da Elrond euch einen Trank des Vergessens gibt. - Andererseits ist es möglich, dass ihr bei einem nächsten Besuch nicht mehr durchgelassen werdet. - Aber dies ist allein Elronds Entscheidung."

Er führte uns über die Bruinenfurt und von dort leicht nordöstlich. Einen annähernd undurchdringlichen Wald, der sich am südlichen Ufer der Südgabel des Bruinen erstreckte, mussten wir durchqueren. Die Bäume standen außergewöhnlich dicht. Das Unterholz war stark verfilzt. Der Weg wand sich als äußerst enger Pfad weiter durch ein Stück Wiese bis zu einer schmalen, elegant geschwungenen Brücke. "Jetzt betreten wir den Herrschaftsbereich von Elrond, dem Herrn von Imladris", erklärte Anordil, "lasst eure Waffen dort, wo sie sind und folgt mir ohne Aufenthalt. Ich hatte das Glück einige Male in Bruchtal Gast sein zu dürfen und in meiner Begleitung wird euch vorerst nichts geschehen. An den Grenzen zu Imladris sind Wachen postiert. Vielleicht lassen sie uns durch. Vielleicht auch nicht. Versucht nicht, sie zu entdecken. Ihr würdet sie sowieso nicht sehen. - Auch du nicht Legolas." Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch. Es war äußerst selten, dass den Augen eines Elben etwas entging. Wenn dem wirklich so war, musste Magie im Spiel sein.

Ich war neugierig auf Bruchtal. Viel hatte ich davon gehört. Die letzte absolut sichere Elbenenklave in Mittelerde. Niemand, sei es Elb, Mensch oder andere Rasse hatte jemals den Weg nach Imladris gefunden, der nicht Elronds Gast sein durfte. Wir folgten dem Pfad weiter. Niemand war zu sehen. Niemand hielt uns auf. Mit einem Mal sahen wir ein schmales, tiefes Tal vor uns.

Es war ein atemberaubender Anblick. Wald und viel Grün umsäumte die Häuser in dieser zerklüfteten Bergschlucht. Sie wirkten sphärisch, so wie sie sich an die Felsen schmiegten. Unzählige Wasserfälle glitzerten im Sonnenlicht. Regenbogen schimmerten über dem Tal.

Anordil ging zielstrebig auf das Hauptgebäude zu. Dort wurde er von einem Elben erwartet. Ein Noldor mit dunkelbraunem, annähernd schwarzem Haar und eisgrauen Augen. "Mae govannen, Anordil Glordorion", grüßte dieser. "Mae govannen, Erestor, Hüter des Hauses von Elrond", grüßte Anordil zurück, "lange ist es her, dass mein Weg mich in dieses Haus führte. Wie geht es dem Hausherrn Elrond?" "Danke, gut", antwortete Erestor, "er erwartet dich bereits. Dein Kommen wurde uns angekündigt." Anordil lachte leise. "Hätte mich stark gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Ich bitte gleichfalls um Quartier für meine Weggefährten." Erestor musterte uns gründlich. "Ich werde sie in die Gästequartiere geleiten lassen." "Ich würde mich ebenfalls gerne vom Staub der Reise reinigen, bevor ich Elrond aufsuche." Erestor nickte kurz zustimmend, bevor er eine einladende Bewegung mit der Hand machte ihm zu folgen.

Im Inneren des Hauses schaute ich mich interessiert um. Schließlich war ich das erste Mal Gast in Elronds Haus. Wir bekamen drei Gästequartiere im dritten Stock des Haupthauses zugewiesen. Radamar und Rellena bezogen eines. Anordil nahm mit Arwen das andere. Ich nahm das Quartier, was übrig blieb. Ein geräumiges Zimmer mit einem großen Bett mit vier Pfosten an einer Wand. Leichte seidige Vorhänge hingen vom Betthimmel herunter. Die Fenster reichten bis zum Boden. Ungehindert konnte man auf den Balkon treten. In der Feuerstelle lag Holz aufgeschichtet. Eine Truhe stand am Ende des Bettes. Dort würden vermutlich Gewänder für die Reisenden liegen.

Mich verlangte danach das Badehaus aufzusuchen. Nachdem ich mich gereinigt hatte und frische Gewänder trug, fühlte ich mich entspannt. Den Rest des Tages verbrachte ich damit durch Imladris zu streifen. Am Abend zog es mich zur Halle des Feuers. Bevor man in die Nähe der Halle kam, konnte man die Musik hören. Mein Herz wurde froh und leicht. Sphärisch schwebten die Klänge durch das Haus. Die gewaltige Halle konnte mit der Festhalle in Aradhrynd durchaus mithalten. In ihrer Mitte brannte ein großes Feuer. Um dieses versammelt waren Elben, Menschen und andere Rassen. Sogar den einen oder anderen Zwerg konnte man, zu meinem Erstaunen, sehen. Einige waren verwundet, wie man an den Verbänden sehen konnte, andere waren wohl Reisende, wie wir. Viele der Anwesenden schienen Bewohner von Imladris zu sein.

Musiker spielten vor dem Feuer. Ihr Spiel war von unglaublicher Klarheit, wie es nur Elbenmusiker zustande bringen können. Arwen Undómiel, die Tochter Elronds, sang eine Ballade. Ich hatte sie einmal von Ferne gesehen auf einem Fest in Lothlórien. Selbst für Elbenaugen war sie schön. Dunkles, nahezu schwarzes Haar fiel in Wellen bis zu ihrer Hüfte. Ihr fein geschnittenes Gesicht hatte etwas Entrücktes an sich. Die Augen blickten in die Ferne. Nur wenige wussten, nach wem sie Ausschau hielt. Ihre schlanke Gestalt war in blau und silber gewandet.

Spät am Abend sah ich Anordil und Arwen die Halle betreten. Anordil musste die Gastfreundschaft Elronds bereits des öfteren genossen haben, doch Arwen zeigte sich stark beeindruckt von der Halle, wie auch von ihrer Namensschwester. Diese gesellte sich gar für einige Zeit zu den beiden. Sie begrüßte Anordil wie einen alten Bekannten. Durch Zufall nahmen sie in meiner Nähe Platz. So bekam ich zwangsläufig einen Teil der Unterhaltung mit.

"Suilad, mellon", wandte sie sich an Arwen, "ich bin Arwen. Von meinem Volk werde ich Undómiel genannt. Mein Vater sagte mir, dass du ebenfalls den Namen Arwen trägst." Respektvoll hatte sie sich erhoben und tief verneigt. "Suilad, Arwen Undómiel", antwortete sie leise, "das ist richtig. Mein Vater hat mich nach euch benannt. Er verehrte euch." "Erzählt mir eure Geschichte", wies Arwen sie an. Fragend blickte sie zu Anordil hinüber. Er nickte auffordernd. In mir glomm die Neugier. Was für eine Geschichte? "Nun, denn", hob Arwen Ceridwen an, "sie ist lang und vielleicht wird sie euch langweilen." "Das glaube ich nicht", erwiderte Arwen belustigt, "gute Geschichten haben mich nie gelangweilt." Nun begann Arwen zu erzählen. Gebannt hörte ich mit zu. Und es wurde mir einiges klarer.

Ihre Eltern waren Gelehrte in einer Welt, die neben Mittelerde existierte. Folglich waren die Gerüchte wahr, dass es andere Welten gab. Wo sie herkam, gab es keine Magie und keine Elben, Zwerge, Orks oder andere wundersame Wesen. Arwens Eltern waren zu Tode gekommen, weil sie ein Geheimnis kannten, welches nicht bekannt werden durfte. Auf ihrer Flucht wäre sie beinahe ebenfalls getötet worden. Einer ihrer Götter hatte sie schließlich in großer Gnade nach Mittelerde geschickt. Anordil hatte sie am Rande des Todes gefunden und ihre Wunden geheilt. Er hatte ihr beigebracht hier in Mittelerde zu überleben. Es gab ebenfalls Kriege in ihrer Welt, doch wurden diese mit wunderlichen Waffen bestritten. Schwerter und Bögen wurden dort nicht mehr benutzt. Es gab wohl verschiedenartige Kampfausbildungen, die man freiwillig erlernen konnte. Dies erklärte ihre Kampftechnik. Sie kannte Mittelerde, was mich am meisten überraschte. Mittelerde war in ihrer Welt Teil einer großen Erzählung, deren Ereignisse erst in unserer Zukunft lagen und worüber sie sich ausschwieg. Von ihrem Vater hatte sie Sindarin und Quenja gelernt, denn dieser liebte Mittelerde. Sie bedauerte es, dass ihre Eltern Mittelerde nicht mit eigenen Augen sehen konnten. "Ihr seid traurig", fragte Arwen sie. Aus Arwen Ceridwens Augen schimmerte unendliche Trauer. "Ja", antwortete sie so leise, dass ich es beinahe nicht hören konnte, "ich weiß, dass die Zeiten im Umbruch sind. Das dritte Zeitalter neigt sich dem Ende zu. Ein großer Krieg wird in ein paar Sonnenläufen Mittelerde nahezu vernichten. - Und die Elben werden Mittelerde verlassen." Den letzten Satz hauchte sie nur. Mit versteinertem Blick schaute sie Richtung Südwesten. Dort lag Mordor. Kam das Böse wieder von dort? Wie zum Ende des Zweiten Zeitalters?

Fünf Tage nach unserer Ankunft rüsteten wir für den Weitermarsch. Anordil und Arwen entschieden sich dafür mich bis zum Düsterwald zu begleiten. Von dort aus wollten sie in den Norden ziehen. Weiterhin auf der Suche nach ihrem Torstein. Radamar und Rellena wollten uns bis zum Düsterwald begleiten. Danach würden sie nach Süden ziehen in Radamars Heimat. Selbst mir war es nicht entgangen, dass die beiden ein Paar geworden waren.

Bevor wir Imladris verliessen, kleideten wir uns neu ein. Unser Weg würde uns über das Nebelgebirge führen. Alle, die nicht zum Elbenvolk gehörten, taten gut daran, sich warme Kleidung zu besorgen. Der Abschied von Imladris tat mir weh. Alles war so friedlich. Als wir das Tal verließen, blickte Arwen kurz zurück. Es schien mir, als würde sie den Anblick in sich aufnehmen. Ich sah gleichermaßen kurz zurück und sah das letzte heimelige Haus der Elben vor mir liegen, umhüllt von einem zarten Nebel, der von den Wasserfällen stammte. Ob ich je hierher zurückkehren würde, bevor es mich in die Unsterblichen Lande zog?

Im Düsterwald waren Arwen und Anordil einige Tage meine Gäste, bevor sie in den Norden aufbrachen. Nicht ganz zwei Sonnenläufe später traf ich Anordil und Arwen erneut. Sie waren mittlerweile ein Paar geworden. Von ihnen hörte ich die Neuigkeit, dass Radamar und Rellena sich in Esgaroth am Langen See niedergelassen hatten und ein gesundes Kind hatten. Anordil und Arwen hatten dort einen Auftrag angenommen. Sie begleiteten Händler in die Eisernen Berge. Ich schloss mich ihnen an. Bei einem Kampf mit Orks wurde Arwen von einem mächtigen Zauber erfasst und verschwand plötzlich in einem Lichtblitz. Anordil war schier verzweifelt. Er setzte alles daran, sie zu finden. Wochen später verschwand auch er während eines Kampfes. Umherziehenden Orks und Urukûnai griffen uns in einer Tempelstätte an. Anordil versuchte in diesem Moment ein Tor mit dem Torstein zu öffnen, den er dem Magier damals, als Arwen verschwand, abgenommen hatte. Er wurde, wie damals Arwen, von einem Lichtblitz erfasst. Seitdem hatte ich beide nicht mehr gesehen. Ich fragte mich, ob sie überhaupt noch lebten. Oder ob der Blitz sie getötet hatte. Vielleicht waren sie auch nur durch ein Tor gegangen, das dieses Artefakt geöffnet hatte. Ich zumindest wusste keine Antwort darauf.

Ein leiser verhaltener Glockenton holte mich in die Realität zurück. Es war Zeit meinen Platz im Rate Elronds einzunehmen. Was würde mich erwarten? Arwen Ceridwen hatte damals angedeutet, dass schlimme Zeiten kommen würden. Das Zeitalter neige sich dem Ende zu. Ein großer Krieg stände bevor. Die Schergen Mordors würden aus ihren Löchern kriechen. Hatte sie Recht? Ich war geneigt ihr Recht zu geben. Wir Elben spürten, dass etwas im Umbruch war. Die Zeiten wurden unruhiger. Die Orks und Geschöpfe der Dunkelheit immer wagemutiger.

Tief atmete ich durch, während ich festen Schrittes zum Ratsplatz ging. Von weitem konnte ich diesen schon erblicken. Mächtige Bäume umsäumten ihn. Einige Menschen standen bereits dort. Ich sah Aragorn und einen edel gekleideten Krieger aus Gondor, einige Zwerge in ihren klobigen Rüstungen, von denen sie sich nicht einmal jetzt trennten, sowie einige Elben aus anderen Enklaven. Elrond war bisher nicht zu sehen. Drei Plätze waren weiterhin frei. Gespannt nahm ich meinen Sitz ein.

(4. Platz beim Herrn-der-Ringe-Schreibwettbewerb, Februar 2002, www.fantasyguide.de)

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