Träume in Eis

Mit einem leisen Aufatmen schloss er die Tür hinter sich. Schwer fiel sie ins Schloss. Augenblicklich bildeten sich Atemfahnen vor seinem Gesicht. Wohltuende Kälte breitete sich sekundenschnell aus. Der Schweiß auf seiner Haut gefror zu einer zarten weißen Schicht. Seine Hand tastete nach dem Lichtschalter. Einen Sekundenbruchteil später erhellten kalte Lichtfinger die Dunkelheit und gaben den Blick frei auf eine bizarre Umgebung.

Eiskristalle schimmerten an den weißen Wänden und auf den Möbeln aus Eis. Im Raum verteilt standen Dutzende Skulpturen aus milchigem Eis, in denen zarte Farben schimmerten. Vor einem Klavier aus Eis saß eine Skulptur, als wolle diese darauf spielen. Zartes Rot glitzerte bis zum Boden.

In einer Ecke lag eine dicke Thermojacke mit Hose auf einem eisigen Stuhl. Der Tisch trug ein Tablett mit verschiedenen Instrumenten. Grobe Feilen, Sägeblattmesser und die verschiedensten Skalpelle und Abzieher. Sogar ein kleines Feuerzeug hatte dort seinen Platz. Mit raschen Schritten ging er darauf zu. Das Licht spiegelte sich in einem Klotz aus Eis. Mit klammen Fingern schlüpfte er in die Kleidungsstücke.

Er stellte die mitgebrachte Thermoskanne vorsichtig auf den Tisch. Bald breitete sich wohlige Wärme in ihm aus. Erst jetzt wandte er sich dem Stück Eis vor ihm zu. Beinahe andächtig nahm er das Schnitzwerkzeug und begann seine Arbeit. Stunde um Stunde verging. Immer wieder unterbrach er seine Arbeit. Vorsichtig nippte er dann vom Becher seiner Thermoskanne.

"Ihr seid so schön", murmelte er, "ich sehe die Form im Eis und kratze sie heraus. Wunderschön - wunderschön. Einzigartig." Eisspäne flogen. Auf dem Boden wuchs ein Haufen schneeweißer Flocken. Allmählich nahm der unförmige Klotz vor ihm Gestalt an. Zart schimmerten Farben durch das Eis. Beinahe zärtlich meißelte er ein Gesicht.

Letztendlich hatte er den Inhalt der Thermoskanne geleert. "Meine Schönen", wisperte er, "für heute ist meine Arbeit getan. Ich wünsche eine angenehme Ruhe." Andächtig legte er sein Werkzeug ab. Kehrte den Eisabfall an die Seite. Dann schlüpfte er aus dem Thermoanzug. Fast augenblicklich begannen seine Zähne zu klappern. Rasch nahm er die mitgebrachte Thermoskanne. Liebevoll huschte sein Blick über die Eisskulpturen, als er die Halle verließ.

Draußen umfing ihn eine ungeahnte Hitze. Schweiß brach ihm aus. Es vergingen keine fünf Minuten bis er vollständig durchgeschwitzt war. Missmutig setzte er die Sonnenbrille auf. "Ich hasse diese Hitze", flüsterte er, "man zerfließt förmlich." Schnell rannte er auf sein Auto zu. Als er auf schloss, verbrannte er sich die Finger. "Autsch", knurrte er, "auch das noch." Schlechtgelaunt stellte er die Klimaanlage an. Sie benötigte einige Minuten, bis sie auf vollen Touren arbeitete. Langsam wich die sengende Hitze. Erst dann fuhr er los. Mit ruhigen Bewegungen lenkte er das Gefährt durch die Hafenanlage und in die Stadt hinein, die einem Glutofen glich.

Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet. Geschweige denn das Thermometer unter 25 Grad Celsius fallen lassen. Selbst die Nächte waren heiß. Die Menschen stöhnten. Keiner wagte sich vor die Tür, wenn er nicht unbedingt musste. Allmählich wurde das Wasser knapp. In den kleinen Läden bekam man bereits keine Erfrischungsgetränke mehr. Alles ausverkauft.

In seiner Wohnung ging er zum Kühlschrank. Durst plagte ihn. "Verdammt", knurrte er, als er ihn öffnete. Der Inhalt des Kühlschranks war lauwarm. Irgendwann im Laufe des Tages hatte das Gerät seinen Geist aufgegeben und vor der Hitze kapituliert. Nun gammelten Wurst und Käse vor sich hin. Die Butter hatte begonnen zu zerfließen. Die Milch war gestockt. Alle übrigen Getränke gaben sich lauwarm und schier ungenießbar.

Er beschloss Wasser aus der Leitung zu trinken. Als er diese aufdrehte, tropfte es ihm lauwarm entgegen. Träge strömte es rostbraun aus dem Hahn. Die Leitungen waren über Tag ausgetrocknet. Es dauerte lange, bis endlich das ersehnte Nass klar floss. Selbst dann fiel dessen Temperatur nicht auf eine erfrischende Kühle ab.

Missmutig aß er eine Schale staubtrockener Cornflakes, die er mit Leitungswasser hinunter spülte. Nacht senkte sich herab. In Erwartung eines bisschen Abkühlung öffnete er ganz weit die Fenster. Doch selbst der dadurch erzeugte Durchzug brachte kaum Linderung.

Er konnte nicht schlafen. Unruhig lief er hin und her. Wenn er sich auf sein Bett legte, brannte sein Körper. Er sehnte sich nach seinem Eishaus. Sein kleines Refugium der Kälte. Jedoch würde er erst in zwei Tagen wieder dorthin fahren können. Bis dahin musste er die Hitze ertragen.

Gegen Morgen schleppte er sich zur Arbeit. Wenigstens funktionierten die Kühlschränke dort noch. Gierig stürzte er eine kalte Coke hinunter. Er spürte, wie sie auf dem Weg durch seine Speiseröhre verdampfte. Das Arbeiten machte seit Wochen keinen Spaß. Die Kollegen waren teils träge, teils aggressiv durch die unerträglich gewordene Hitze. Selbst die Menschen auf den Straßen gingen äußerst rüde miteinander um.

Zumal die Regierung seit vier Wochen ein Fahrverbot für bestimmte Stunden des Tages verhängt hatte. Besonders hart traf es die Pendler, die gewöhnlich mit dem Auto von außerhalb in die Stadt kamen. Die Züge waren überfüllt. Zwar hatte die Transportgesellschaft Sonderzüge eingesetzt, aber trotzdem reichte es nicht, den Schwall an Menschen jeden Tag in die Stadt hinein und Abends wieder hinaus zu befördern. Unmut und Aggressivität machten sich breit.

Ihn kümmerte dies alles nicht. Gleichmütig verrichtete er seine Arbeit. Mit seinen Gedanken war er in der Kälte. Dort, wo er hingehörte.

Eine weitere Nacht und ein Tag verstrichen. Geduldig erwartete er das Ende der verkehrsfreien Phase. Pünktlich startete er den Wagen und reihte sich in den aufkommenden Verkehr ein. Sein Herz hüpfte vor Gier nach Kälte.

Als er das Eishaus auf schloss, schlug ihm wohltuende Kälte entgegen. Endlich. Dann entriegelte er die innere Tür. Sie schwang ruckelnd auf, bevor kaltes Licht den Raum durchflutete. Liebevoll ließ er seinen Blick schweifen. Er war zu Hause!

Der Klotz aus Eis stand noch da, wie er ihn verlassen hatte. Mit Feuereifer begab er sich an die Arbeit. Es gab so viel zu tun. Allmählich nahm der Klotz die Gestalt eines Mädchens an. Seine Finger glitten zärtlich über die Konturen des starren, gemeißelten Gesichtes.

Als er fertig war, stellte er die neue Skulptur in den Raum. Einige Male verrückte er sie, bis er die richtige Position gefunden hatte. Ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. "Es ist vollbracht", wisperte er. Weiße Atemfahnen lösten sich. Seine Augen leuchteten vor Glück.

Mit leichtem Schritt ging er zur Tür. Die Hand fand den Mechanismus, doch dann zögerte er. Draußen war Hitze. Er hatte kein Verlangen danach. Für einen Moment zog sein Leben an ihm vorbei. Was für ein Leben? Nichts war dort draußen, was es für ihn lebenswert machte. Die leere Wohnung. Die Abweisung durch die Menschen, die in ihm einen Sonderling sahen. Einzig seine Eisskulpturen brachten ihm Anerkennung.

Abrupt drehte er sich um. Saugte das Bild in sich auf, was sich ihm bot. Eine perfekte Welt. Erstarrt zu Eis. Lautlose glitzernde Schönheit. Gläserne kalte Pracht. Mit langsamen Schritten ging er auf seine Werke zu. Andächtig entledigte er sich der schützenden Thermokleidung, bis er in Bermudas und T-Shirt dastand.

Zitternd nahm er jede Skulptur in Augenschein. Berührte sie. Bis er bei der Figur am Klavier angelangt war. Zärtlich strich er über das glatte, eisige Haar, das er zu Locken geformt hatte, die wellig die schönen Konturen des zarten Gesichtes umspielten. An das Klavier gelehnt stand die Skulptur des Mädchens, mit halb schräg gelegtem Kopf, als würde es andächtig lauschen. Jede Rüsche des roten Kleides mit der rosa Schleife liebevoll ausgearbeitet. Die Locken des Haares erstarrt in immerwährender Wildheit.

"Ihr seid so schön", hauchte er, "so schön - für ewig. - Ewig mein. Vereint." Rauhreif hatte sich auf seiner Haut gebildet. Sie platzte ab, als er die Hand ausstreckte, um die kalte Oberfläche der Skulpturen zu berühren. In sich spürte er, wie das Blut anfing langsamer zu fließen. Sein Herz arbeitete schwer. Wohltuende Kälte breitete sich in ihm aus. Erfasste sein ganzes Sein. In seinen brechenden Augen spiegelte sich das Bild der Klavierspielerin mit dem Kind. Allmählich verlosch das Licht.

Tage später erhellte erneut Licht die eisige Welt. Ermittler in dunklen Jacken bewegten sich als wären sie in einem Traum. Einer der hartgesottenen Männer war kalkweiß im Gesicht. Seine Augen wanderten über das unglaubliche Bild.

Eiszapfen hingen von der Decke. Bildeten bizarre Strukturen. An den weißen Wänden schimmerten Eiskristalle. Eine Wohnung aus Eis geformt. Jedes Stück Mobiliar aus Eis geschnitten. In dem durchsichtigen Kühlschrank sah man gefrorene Lebensmittel und Getränke. Bilder hingen an der Wand, umhüllt von einer dünnen Eisschicht. Im Raum verteilt Dutzende Skulpturen aus milchigem Eis, in denen zarte Farben schimmerten. Eingefangen für die Ewigkeit. Vor einem Klavier aus Eis saß eine Skulptur, als wolle sie darauf spielen. Zartes Rot glitzerte bis zum Boden. Es schien, als würde das Eis eine Abendrobe imitieren. Ein Mädchen im roten Kleid hörte ihr andächtig zu. Eine weitere Skulptur stand hinter der Bar. Einen eisigen Kelch zum Trinken erhoben. In der Mitte des Raumes ein Junge. Vielleicht vier Jahre alt. In den Händen einen bunten Ball.

Augen sahen ihn an. Fordernd. Erstarrt. Überall Männer, Frauen, Kinder. Eingefroren in der Bewegung. Arrangiert zu einer perfekten Welt. Neben der Klavierspielerin eine zusammengesunkene Gestalt. Überzogen mit weißen Eiskristallen. Die Augen halb geschlossen. Um die Lippen ein verzücktes Lächeln. Eine erstarrte Hand lag locker auf den Falten des eisigen roten Kleides.

Auf der anderen Seite sah er eine Arbeitsecke. Auf dem Tisch lag verschiedenes Werkzeug ausgebreitet. Über dem Stuhl aus Eis lag achtlos ein Thermoanzug. Dahinter in einem Regal aufgereiht kleine Eisskulpturen. Schwäne, Vögel, ein kleines Reh und andere Dinge. Jedes mit einer kleinen Plakette versehen.

Der Mann studierte das Infoblatt. Dort waren die bisherigen Ergebnisse hastig handschriftlich festgehalten.

Bisher gab es keine Identifizierung, bis auf den einen Mann. Frank Wiscensci, Eiskünstler. Unauffälliger Typ, etwas verschroben, aber künstlerisch genial. Geschieden. Frau und Tochter lebten in einer anderen Stadt. Wirklich? Den Sommer über arbeitete dieser bei Baker Incorporated als Hilfsbuchhalter. Im Winter verdiente er sein Geld mit Eisskulpturen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Sein Paradestück war die Klavierspielerin in Rot. Schaudernd blickte der Ermittler zu der Skulptur am Klavier. Wer war sie? Seine Frau? Und wenn ja, wer waren die anderen?

Eingeschickt zum MDR-Schreibwettbewerb 2004

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