Lovely Trees

Es war einmal ...

vor langer Zeit, als die Erde jung war und die Sagenwelt lebendig. Das kalte Leichentuch von Eis und Schnee bedeckte die Welt. Dessen ungeachtet lebten die Menschen zufrieden. Alle? Nein, nicht alle.

Ein junger Mann lehnte gegen die kalten Mauern seines Kerkers. In seinem Bart hatten sich kleine Eiskristalle gebildet. Doch er spürte die Kälte nicht. Rudger von der Felsenburg schloss die Augen. Die vergangenen Monate zogen an ihm vorbei. Melisande. Wo mochte sie sein? Rudger spürte den Geschmack von Blut. Hart hatte er sich auf die Lippen gebissen. Nein, ihn reute nichts. Kalt lächelnd dachte er daran, wie das Blut Wulf von Schneebergs, des Thronerbens, den Schnee rot färbte. Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit ...

Seit geraumer Zeit führte Wulf ein gnadenloses Regiment gemeinsam mit der Hexe Tanjura, die ihn erzogen hatte. König Ingwar war alt, kaum fähig das Land zu regieren. Der Kronrat zitterte. Doch Gunnar von der Felsenburg, Rudgers Vater, zog im Geheimen die Fäden und verflocht die Häuser des Kronrates zu einer mächtigen Allianz. Nur ein winziger Schritt fehlte, um Wulf zu stürzen. Lord Gunnars Plan sah die Vermählung Rudgers mit Freyalin, der Bastardtochter König Ingwars vor. Für Rudger war es selbstverständlich, dass sein Vater ihm die Braut wählte. Liebe war für das Volk, nicht für den Adel. Diese Verbindung würde Rudger in unmittelbare Nähe des Thrones bringen. Dann konnte Wulf beseitigt werden.

Zum Neujahrsfest erschien Freyalin ohne großen Hofstaat in der Felsenburg. Frischer Schnee lag über der Landschaft. Neugierig betrachtete Rudger mit seinem Vater die Ankömmlinge. Die vier Reiter der Eskorte waren Söldner des Hauses Eiswinden. Er erinnerte sich, dass Freyalins Mutter die jüngste Tochter des Lords von Eiswinden war. Einziges Zugeständnis vom Hofe war eine Schatulle mit der Mitgift und ein Pergament, in dem König Ingwar seine Glückwünsche aussprach. Als erstes stiegen die Zofen aus. Die vom Wind geröteten Gesichter lugten aus den dicken Mänteln hervor. Nachdem Freyalin den Schlitten verlassen hatte, schlug sie die Kapuze ihres mit Fuchsfell verbrämten schwarzen Wollmantels zurück. Silberblondes Haar umrahmte ein blasses, ebenmäßiges Gesicht. Die wasserblauen Augen leuchteten sanft. "Willkommen auf der Felsenburg", sprach Lord Gunnar, "ich hoffe, ihr werdet euch hier wohl fühlen." "Vielen Dank für euer Willkommen", entgegnete sie, "jeder Ort ist angenehmer als die Königsburg."

Am nächsten Morgen kleidete sich Rudger in sein Festgewand. Beiläufig nahm er den Diener wahr. Seinen Gedanken waren beim gestrigen Abend. Freyalin und ihre Zofen waren zum Mahl erschienen. Sie trug ihr Haar offen, als einzigen Schmuck ihres dunkelblauen Gewandes. Zurückhaltend nahm sie die Aufmerksamkeiten der Anwesenden an. Ihre Zofen begaben sich zum unteren Tisch, wie es den engeren Bediensteten des Hauses zukam. Die eine war eine farblose alternde Jungfer, die ihr Haar unter einem Gebende versteckt trug. Kleine Fältchen umgaben die Augen. Das dunkelbraune Gewand verdeckte ihren Leib. Als sie aufblickte, erkannte Rudger warum kein Mann diese Frau bisher ehelichte. Verschlagen musterte sie die Umgebung. Instinktiv fühlte er, dass sie falsch war. Aufpasserin, Tugendwächterin oder Spionin? Er konnte es nicht sagen. Vielleicht etwas von allem. Die andere war jünger als Freyalin. Ihr dunkelgraues Gewand betonte ihre milchweiße Haut. Rotblondes Haar wurde kaum von dem schwarzen Netz gebändigt. Meist hielt sie die Augen gesenkt. Sie vermied es aufzufallen. Als sie endlich zur hohen Tafel blickte, war es um Rudger geschehen. Er hielt den Atem an. Fasziniert sah er in meergrüne Augen. Erschrocken schlug sie die Augen nieder. Ihre Wangen flammten auf. Rudger konnte nicht seinen Blick von ihr wenden. Kaum war er eines Gespräches fähig. Daher zog er sich alsbald zurück.

Als die Fanfaren ihn endlich zur Zeremonie riefen, ging er wie abwesend. Seine Gedanken hingen an der rotblonden Maid. Langsam schritt er zur gewaltigen Eiche, die seit Generationen im Burghof stand. Unter ihr wurden Ehen geschlossen, Grablegungen geleitet, Gericht gehalten und Schiedssprüche vollzogen. Über Nacht war erneut Schnee gefallen. Majestätisch glitzerte die Landschaft im fahlen Licht der Wintersonne. Schwer beladen mit dieser kalten Last bogen sich die Äste der Bäume. Eiszapfen zierten die Dächer. Der Hausdruide wartete in vollem Ornat. Die Burg war geschmückt und die Bewohner trugen ihr bestes Gewand. Lord Gunnar stand erfreut neben dem Druiden. Er und ein Abgesandter des Königs würden die Zeugen des Ehespruches sein. Von der anderen Seite sah er Freyalin kommen. Sie trug ein Gewand aus weißer Wolle mit goldfarbenen Stickereien. Ihr Haar, kunstvoll geflochten, wurde von einem schmalen goldenen Reif gehalten. Hinter ihr gingen ihre Zofen in schlichten grüne Gewänder. Auf den Häuptern immergrüne Ranken. Die Zeremonie zog an Rudger vorbei, ohne dass er sie wahrnahm. Es bereitete ihm unsägliche Mühe sich zu konzentrieren. Das Gesicht der einen Maid zog seine Blicke immer wieder an. Während der Feierlichkeiten konnte er nicht anders, als an sie denken. Obwohl er sich bemühte seiner Gemahlin ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Die Tage vergingen. Rudger umsorgte Freyalin. Er ließ es ihr an nichts mangeln. Nein, nicht gänzlich. Es mangelte an Liebe. Sie blieb eine Fremde, auch wenn sie sein Bett teilte, denn seit er Melisande gesehen hatte, konnte er sie nicht vergessen. Er wusste, dass es nicht sein durfte. Er war Freyalins Gemahl und damit Anwärter auf den Thron. Ihm war bewusst, dass Melisande gleiches empfand. Ihre Blicke verschlangen ihn bei jeder Gelegenheit. Und er sah sie oft. Er vermied, wenn möglich, ihren Weg. Doch irgendwann, stieß er in den einsamen Gängen der Burg mit ihr zusammen. Sie verließ ein Gemach im Ostturm, als er um die Ecke bog. Erschrocken entglitt ein Krug ihren Händen, der in tausend Stücke zersprang. "Verzeiht, mein Lord", sagte sie und begann die Scherben aufzusammeln. Rudger hatte sich gleich ihr zu Boden gebeugt. "Ist schon gut", erwiderte er, "es ist ja nur ein Krug." Flüchtig berührte er ihre Hand. Unabsichtlich. Und fühlte sich wie trunken. Ein Gefühl durchraste ihn wie ein Sturmwind. Melisande sah ihn an. "Herr, ist euch nicht gut", fragte sie. "Nein, es ist alles in Ordnung", entgegnete er. Seine Hände ergriffen die ihren. Er zog sie mit sich. Und es geschah, was nicht geschehen durfte.

In der Folgezeit trafen sie sich immer häufiger. In ihrer grenzenlosen Liebe vergaßen sie bald jegliche Vorsicht. Auch Freyalin blieb ihr Tun nicht verborgen. Doch sie schwieg. Sie wusste, dass ihre Ehe eine politische Notwendigkeit war. Daher deckte sie in ihrer Großmut die Liebenden. Doch Augen, hinterlistig und tückisch, belauerten ihre Schritte. So geschah es, dass an einem Tag mitten im Winter Wulf von Schneeberg Einlass in die Burg begehrte. Selbstgefällig betrat er den Audienzsaal. Flüchtig grüßte er die Anwesenden, bevor er sich Freyalin zuwandte, die ihm bleich entgegen sah. "Liebe Schwester", sagte er verächtlich, "mein Vater geruht sich nach deinem Wohl zu erkundigen." "Mir geht es gut", erwiderte sie kühl. Lauernd taxierte Wulf sie. "Erkläre mir, warum du nicht schwanger bist", forderte er sie barsch auf. Entgeistert sah Freyalin ihn an. "Die Götter haben mich bisher nicht gesegnet", entgegnete sie eisig. "Oder ist dein Gemahl nicht fähig", zischte er böse. Zorn verdunkelte Rudgers Gesicht. "Ihr geht zu weit, Wulf von Schneeberg", presste er hervor. Seine Hand krampfte sich um den Dolchgriff. "Ich fragte nur nach der Gesundheit meiner Schwester", säuselte Wulf zuckersüß, "doch nun entschuldigt mich. Meine Reise war lang." Boshaft lächelnd verließ er den Saal. "Sei vorsichtig", flüsterte Freyalin Rudger zu, "er wird dich töten wollen - und Melisande." "Du weißt es", fragte er bestürzt. "Unsere Ehe ist politisch", entgegnete sie, "solange ich deine Gemahlin bin, werde ich darüber hinwegsehen. - Doch sei gewarnt. - Wulf ahnt, dass du für ihn eine Gefahr bist. Er wird alles versuchen, dich zu töten." Rudger musste ihr Recht geben. "Ich danke dir", sagte er. Insgeheim bewunderte er Freyalin für ihren Mut. In den nächsten Tagen ließ Rudger Vorsicht walten. Doch es bereitete ihm unendliche Mühe sich in Gegenwart Wulfs zu beherrschen. Einige Male war er nahe daran, diesen zum Kampf zu fordern. Allerdings wusste er, dass dies nicht geschehen durfte. Nicht er war dazu auserkoren Wulf zu töten. Obwohl er es mit Vergnügen getan hätte. So wartete er. Als Wulf endlich die Burg verließ, atmete Rudger erleichtert auf. Hastig warf er den warmen Umhang aus Wolfsfell über und eilte hinaus. Er weilte in Gedanken bereits bei Melisande. Daher sah er nicht die kalten Augen, die ihm folgten. Raschen Schrittes bahnte er sich einen Weg durch den Schnee. Im Schutz des nahen Gebirges lag eine kleine Felsenhöhle, die seit geraumer Zeit Zuflucht für ihn und Melisande war. Sie erwartete ihn bereits. Eng hatte sie den Mantel mit der Verbrämung aus Fuchsfell um sich geschlungen. Sie fröstelte trotz des wärmenden Feuers. "Meine Geliebte", sagte Rudger heiser, als er sie umarmte, "warum trägst du Freyalins Mantel?" Tief sah sie ihn mit ihren meergrünen Augen an. "Es war ihre Idee", sagte sie, "sie meinte, man würde mich aus der Ferne für sie halten, falls gewisse Augen uns folgten." Mit einem Kuss bedeckte Rudger ihre Lippen. "Seit wann weiss Freyalin Bescheid", fragte er, als er sie freigab. "Seit längerem", erwiderte Melisande, "sie ist klug. - Klüger als Wulf. Sie hatte den Plan deines Vaters früh durchschaut. Daher willigte sie in die Verbindung ein." "Ich habe sie unterschätzt", murmelte Rudger. Seine Hände begannen Melisande zu streicheln. Sanft fuhr er ihren Rücken hinunter. Lösten die Schnüre des Gewandes. Er zog sie zur Bettstatt, die mit Fellen bedeckt war. Melisande atmete erregt. Süß schmeckte ihr Kuss. Sie ließen sich treiben von heißem Verlangen.

"Wen haben wir denn da?" Die boshafte Stimme ließ Rudger zusammenfahren. Hastig ergriff er sein Schwert. Erschrocken zog Melisande die Felle um sich. Im verhangenen Durchgang stand, lässig an die Wand gelehnt, Wulf von Schneeberg. Die Lippen zu einem grausamen Lächeln verzogen. "Meine Vater wird erfreut sein, hiervon zu hören", seine Stimme klang klirrend, "oder ziehst du es vor gleich zu sterben?" "Du wagst zuviel, Wulf", knurrte Rudger, "ich werde dich töten." Katzengleich trat Wulf ihm entgegen. "Versuche es", erwiderte er. Unvermittelt griff er an. Rudger wehrte reflexartig ab. Mit schweren Hieben trieb Wulf ihn auf den Durchgang zu. In der Enge des schmalen Ganges gelang es Rudger kaum sich zu wehren. Doch draußen hatte er endlich Platz. Mit wuchtigen Schlägen konterte er. Die Kälte biss in seine Haut. Überzog seinen schweißnassen Körper mit einer frostigen Schicht. Selbst auf den Schwertklingen gefror die Luft. Rudger wusste, dass er Wulf rasch entwaffnen musste. Doch dieser bot ihm keine Blöße. Hämisch lachend attackierte er ihn immer wieder. Rudger spürte, wie er allmählich erlahmte. Eisige Kristalle hingen in seinem Bart. Mit einem lauten Aufschrei warf er sich nach vorne. Es gelang ihm - endlich - Wulf zu verletzen. Rot rann das Blut aus der Wunde am Oberschenkel. Sickerte in den Schnee. Rasch ließ Rudger einen weiteren Hieb folgen. Quer über Wulfs Gesicht wurde die Haut aufgerissen. Wulf schrie vor Wut und Schmerz. Rudger wurde klar, dass er die Oberhand bekam. Unerbittlich setzte er nach. Minuten später rammte er Wulf das Schwert in die Seite. Ungläubig starrte Wulf auf die Schneide, bevor er in den rotgefärbten Schnee sank. Schwer atmend stand Rudger dort. Innerhalb von Minuten war er umringt von Männern der königlichen Garde, die aus dem Gehölz auftauchten. Rasch nahmen sie Rudger und auch Melisande fest. Der eine von ihnen, wohl ein Feldscher, nahm Wulf in Augenschein. Als er Leben fühlte, machte er sich rasch an die Arbeit. "Dieser Bastard lebt immer noch", knirschte Rudger. Mit einem letzten Blick auf Melisande, die bleich und zitternd im Schnee stand, wurde Rudger weggeführt.

Laut seufzte Rudger auf. Zu schade, dass Wulf überlebt hatte. Mit einem häßlichen Geräusch wurde der Riegel seiner Zelle beiseite geschoben. Steif erhob er sich. Der Tag des Gerichtes war gekommen. Schmerzlich erwartet und gefürchtet. Heute würde er Melisande wiedersehen. Vielleicht zum letzten Mal. Der Gedanke an sie hatte ihn am Leben erhalten. Viele Monate hatte man ihn schmachten lassen. Das Tageslicht blendete ihn, als er den Hof betrat. Viele Augen folgten ihm, als er zur großen Eiche schritt. Einige mitleidig, andere in Schadenfreude. Er ignorierte sie. Er hatte einzig Augen für Melisande, die dort stand. Blass und schmal in einem einfachen leinenen Gewand. Ihre Hände durch ein hänfenes Seil gebunden. Sie fror erbärmlich in dieser Kälte. Gelassen sah Rudger seinen Richtern entgegen. König Ingwar, alt und selbst dem Tode nah, saß auf einem hölzernen Thron. Wulf stand neben ihm. Er grinste boshaft. Die hellrote Narbe in seinem Gesicht verhöhnte Rudger. Der Umhang aus Wolfsfell unterstrich seine geifernden Blicke. Ein alter Druide stand unter der Eiche. In seinem Gürtel die zeremonielle Sichel. Ein Torque und der Stirnreif aus Gold unterstrichen seine Würde. Hinter dem Thron stand Tanjura, die Hexe. Schön, wie frisch gefallener Schnee und ebenso kalt. Ihre eisblauen Augen stachen wie Dolche. Das dunkle Gewand erinnerte an Rabenflügel. Unheilvoll strich sie ihr schwarzes Haar mit den schneeweißen Strähnen zurück. Gemächlich trat sie vor. "Zwei Schuldige stehen vor unseren Augen", sagte sie mit eisiger Stimme, "schuldig des Verrates an König Ingwar. Schuldig des Ehebruches. Schuldig der Verführung. - " Sie machte eine unheilvolle Pause. "Der hohe Druide und die Mehrheit des Rates erkennen jedoch die Beweisführung nicht an, obwohl diese erdrückend ist, daher wird die Anklage auf Hochverrat fallen gelassen. - Da Rudger von der Felsenburg und die Zofe Melisande Falksoog sich des Ehebruches schuldig gemacht haben, wird folgendes Urteil gefällt." Lauernd blickte sie in die Runde. Ein selbstgefälliges Lächeln auf ihren Lippen. "Auf das Verbrechen des Ehebruchs steht die Todesstrafe", ihre Stimme schnitt die Luft, "doch Freyalin von der Felsenburg bat um Gnade. In all seiner Güte gewährt König Ingwar diesen Wunsch und wandelt die Todesstrafe in einen Fluch um. - Höret den Schiedsspruch. - Führt die Ehebrecher in die Ebene. Kein Gewand ist vonnöten. Am Endes des Tages wird die Dunkelheit sie erwarten. Bei Aufgang des Mondes sollen sie sich wandeln in zwei umschlungene Nordeichen. Nah und doch unendlich fern. Unfähig den anderen zu berühren oder zu sprechen. Eis und Schnee sei euer Leichentuch. Nur im kurzen Sommer werden eure ineinander verschlungenen Stämme zu sehen sein. - Erst, wenn es jemandem gelingt, diese Bäume gemeinsam zu fällen, ohne sie zu zerstören und ihre Rinden mit dem Herzblut Liebender zu tränken, wird der Fluch gebrochen." "Nun denn, wir nehmen den Urteilsspruch an", antwortete Rudger, "gemeinsam werden wir die Zukunft erwarten, bis uns jemand erlöst und wir in die Hallen des großen Odin einziehen dürfen." "Nicht die Hallen Odins werdet ihr sehen", kicherte sie böse, "Loki wird euch erwarten. Ewige Verdammnis sei euch gewiss. - Oder dauert jemanden euer Los?" Hämisches Gelächter brandete auf. Rudger sah Freyalin abseits stehen. Ein kleines Bündel in ihrem Arm. In ihren Augen las er Mitgefühl und zu seiner Verwunderung Trotz. Am Tor der Burg wurden ihnen die Gewänder vom Leib gerissen. Nackt trieb man sie nach Norden, bis die Nacht zu dämmern begann. Ein Fluss setzte dem Weg ein Ende. Dort erwarteten sie die Nacht. Eng umschlangen sich Rudger und Melisande. "Was auch kommen mag", flüsterte er, "ich liebe dich, jetzt und immerdar." "ich liebe dich, Rudger", hauchte sie mit zittriger Stimme, "an deiner Seite will ich den Tod erwarten." Langsam ging der Mond auf. Als seine fahlen Strahlen sie berührten, sahen ihre Vollstrecker mit Entsetzen, dass sie sich wandelten. Aus der Haut wurde Rinde, aus den Füßen Wurzeln und die Haare zu Geäst und Blattwerk. Ihre Arme umschlangen einander. Hielten sich, stützten sich gleich dicken Ästen. Als der Mond seinen Zenit erreichte, war die Wandlung vollzogen. Zwei Nordlandeichen, eng umschlungen, ragten aus dem Schnee. Gebete murmelnd zogen die Männer von dannen. Sie sahen nicht mehr den Raben, der sich auf dem Geäst niederließ und gemächlich seine Federn putzte. Gegen Morgen setzte ein Schneesturm ein. Drei Tage und Nächte wüteten die eisigen Flocken und begrub die beiden Liebenden unter sich.

Die Zeit verging. Ein blutiger Krieg überzog das Land, nachdem König Ingwar starb. Wulf festigte seine Macht mit Gewalt. Am Ende beugte man sich ihm. Derjenige, der Hoffnung hatte, floh in andere Lande. Rudger und Melisande gerieten in Vergessenheit. Jahrhunderte vergingen. Niemand erinnerte sich mehr an die beiden, die auf den Tag der Erlösung warteten. Niemand kannte ihre Namen. Niemand kannte den Platz, wo sie verharrten. Niemand? Wirklich niemand?

In einer kleinen Klause saß eine alte Frau am Feuer. Zu ihren Füßen zwei junge Leute. "Ihr wollt eine Geschichte hören", fragte sie mit schwacher Stimme, "eine letzte Geschichte, bevor ich gehe? - Nun gut, ich erfülle eure Bitte. - Setzt euch hin und hört zu. - Diese Geschichte wird nur ein einziges Mal erzählt, denn sie berichtet von Liebe und Hass." Feuer spiegelte sich im rotblonden Haar des Mädchens. Ihre meergrünen Augen sahen die alte Frau neugierig an. Der junge Mann hielt sie umfangen. Aus den nussbraunen Augen sprach die Fragelust. Widerspenstig standen kurze dunkelbraune Haare ab. "Es war einmal vor langer Zeit, als die Erde jung war und die Sagenwelt lebendig", hob die Alte an, "Winter herrschte überall. Das kalte Leichentuch des ewigen Eises bedeckte weite Teile der Welt. Dessen ungeachtet lebten die Menschen zufrieden mit ihrem Schicksal. - Alle? Nein, nicht alle. Ein junger Mann lehnte gegen die kalten ..."

 

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