Lichtertanz

Rege Betriebsamkeit herrschte um sie herum. Leute kamen und gingen. Gesprächsfetzen registrierte sie unbewusst. Mit ihren Gedanken war Tamara weit weg. Sie sah nicht die bewundernden Blicke mancher Zeitgenossen, die über ihren schlanken sportlichen Körper glitten. Die an den braunen Haaren mit den vielen Goldreflexen hingen und in ihre wunderschönen rehbraunen Augen starrten. Sie sah niemanden. Schaute einfach durch die Gestalten hindurch. Wie sollte sie auch jemanden sehen können? Viele Jahre bereits herrschte Dunkelheit für sie. Sie hatte sich damit abgefunden. Sie liebte es sogar. Wie es war sehen zu können, hatte sie vor langer Zeit vergessen. Es störte sie nicht. Nur das Mitleid um sie, von ihren Mitmenschen, machte sie zornig. Warum nur behandelte sie jeder wie ein rohes Ei? Warum gerieten die Leute in Panik, wenn sie ganz normale Sätze sagen sollten wie "dann sehen wir uns heute abend"? Hatten sie Angst sie zu verletzen?

Manche wohl ja, die anderen nein. Ja, es gab die anderen. Die, die nicht mit einer Behinderung in welcher Form auch immer umgehen konnten. Diejenigen, die sich hinter Spott und Gewalt verbargen, damit ihre Ängste nicht zu Tage traten. Von ihnen gab es viele. Und es wurden immer mehr in einer Welt, in der Behinderung ein Makel darstellte.

Blindheit. Was ist Blindheit? Das Fehlen der Fähigkeit sehen zu können. Doch warum sieht der Mensch? Weil die Natur etwas so schönes, wie das Auge geschaffen hatte. Ein wunderbares, kleines, sensibles Konstrukt. Im Prinzip ein kleiner elastischer, flüssigkeitsgefüllter Ball mit einer Öffnung, durch welche das Licht fällt. Die in der Flüssigkeit liegende Linse bricht die einfallenden Strahlen und fokussiert sie auf die dahinter befindliche Retina. Diese stellt die eine Wand des Balles dar und besteht aus einer einzigartigen Ansammlung unterschiedlicher Nervenzellen, Stäbchen und Zapfen. Alles läuft zusammen in einem dicken Bündel, dem Sehnerv, der die eingehenden Nervenimpulse ins Gehirn weiterleitet, wo diese zu einem Bild zusammengesetzt werden.

Ja, die Natur war und ist äußerst kreativ darin, Lebewesen die Fähigkeit des Sehens zu geben. Lichtorganellen, Hautlichtsinn, Napfaugen, Becheraugen, Facettenaugen, Komplexaugen und was es sonst noch so alles gibt. Doch sie hat auch an die anderen gedacht. An die Kreaturen, die in der Finsternis leben. Sie besitzen keine Augen. Benötigen keine. Wozu auch? Schließlich gibt es in den tiefen Höhlen und Spalten kein Licht, welches die Nervenzellen reizen könnte. Hier bastelte die Natur eine andere Form des Sehens. Lange Fühler, Sonar oder eine überaus sensible Haut. Dinge, die Bewegungen "sichtbar" werden lassen, selbst wenn das eigentliche Sehen fehlt.

Doch was geschieht mit den Geschöpfen, die durch Zufall in die Dunkelheit geraten? Sind sie verdammt unterzugehen? Nein, die Natur ist anpassungsfähig. Zum Beispiel existieren Molcharten, die erst im Laufe der Zeit in dunkle Höhlen gerieten. Mutter Natur ließ einfach den Sehnerv verkümmern und stärkte die anderen Sinne. Schon war ein Geschöpf entstanden, welches Nichtsehend ein erfülltes Leben führen konnte. Und was ein Molch schafft, dass schafft wohl ein Mensch allemal. Dies war seit vielen Jahren das Lebensmotto von Tamara.

Als sie nach dem Unfall aus der Narkose aufwachte und man ihr sagte, dass sie nie wieder die Sonne sehen würde oder die Gesichter ihrer Familie, glaubte sie eine Welt bräche zusammen. Sie war eine herausragende Schülerin und Tänzerin gewesen. Vor allem hatte sie die Bühne sowie die Musik geliebt. Sie wollte es gar zu ihrem Beruf machen, entgegen dem Willen ihrer Eltern. Doch dies alles war mit einem Mal zunichte. Durch Unachtsamkeit eines Mitmenschen, den sie nicht kannte. Durch Fahrlässigkeit eines Autofahrers. Dabei hatte sie noch Glück gehabt. Es hätte weitaus schlimmer kommen oder gar tödlich enden können, sagten die Ärzte.

Doch dies war ihr egal. Gleichgültigkeit erfasste sie. Tiefste Depressionen. Sie hatte sich aufgegeben. Behinderung - das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte. Jedem ein Klotz am Bein. Jedem im Weg. Angewiesen auf andere. Was hielt sie eigentlich auf dieser Welt?

Man schickte sie zur Rehabilitation in ein Schulungszentrum für Blinde. Dort sollte sie lernen mit ihrer Behinderung umzugehen. Doch Tamara hatte sich bereits entschieden, alles abzulehnen. Wozu sollte sie das alles lernen? Es hatte doch überhaupt keinen Zweck. Sie war ein Krüppel - und würde es immer bleiben.

"Hallo, ich bin Ramona Wintermann", hörte sie eine Stimme. Sie hatte nicht bemerkt, wie die Tür geöffnet wurde. "Hallo", brummte Tamara desinteressiert. "Ich bin deine Lehrerin", sagte die Frau, "willst du mich nicht begrüßen?" Apathisch lehnte Tamara in ihrem Sessel. "Wozu", fragte sie, "was wollen sie mir denn beibringen? Sie sehen doch, dass ich blind bin." "Ich auch", kam die Antwort. Tamara war überrascht. "Blinde unterrichten Blinde", sagte sie ungläubig. "Wer könnte einem Blinden wohl besser das ‚Sehen' in der Welt dort draußen beibringen, als ein Blinder", entgegnete Ramona und brach damit das Eis.

An diese erste Begegnung erinnerte sich Tamara gerne. Dies war der erste Moment nach dem Unfall gewesen, wo sie buchstäblich Licht am Ende des Tunnels sah. Selbst wenn es doch nur tiefe Dunkelheit war. Aber Ramona gab ihr in den nächsten Monaten das wieder, was ihr abhanden gekommen war - ihr Selbstbewusstsein. Für Tamara begann ein harter Kampf. In erster Linie gegen sich selber. Ramona brachte ihr bei nicht auf andere angewiesen zu sein. Tamara lernte ihre anderen Sinne einzusetzen. Sie lernte diese besser wahrzunehmen und ein Gespür zu entwickeln.

Oft führten sie lange Gespräche. An eines erinnerte sich Tamara äußerst gut. "Wie bist du blind geworden", hatte sie Ramona gefragt. Aus dem Rascheln der Kleidung schloss Tamara, dass diese sich zurückgelehnt hatte und kurz nachdachte. "Ich war ein Teenager", antwortete sie, "die Blindheit kam schleichend. Nicht, wie bei dir, durch einen Unfall. Es dauerte mehrere Jahre. Immer mehr verlor ich die Fähigkeit zu sehen. Die Ärzte konnten nichts tun. Der Sehnerv degenerierte, egal was sie versuchten. Am Ende sah ich nur noch tanzende Lichter. So auch an jenem Abend. - Der letzte, an dem ich sehen konnte. Viele tanzende Flämmchen in verschiedenen Farben - rot, gelb, grün, blau und orange. Lichter in der Dunkelheit. Am nächsten Morgen wachte ich auf und alles war dunkel um mich herum. - Zuerst weinte ich. Tagelang ohne aufhören zu können. Die letzte Hoffnung mein Augenlicht zu retten war endgültig dahin. Doch schließlich habe ich mich zusammengerissen. - In der ganzen Zeit davor, als ich wusste, dass dieser Tag kommen würde, hatte ich mich vorbereitet. Ich hatte von anderen Blinden gehört - berühmten Persönlichkeiten, wie den Philosophen Homer, den Erfinder Louis Braille, Helen Keller, Lucy Ching, die Pianistin Maria Paradis, dem Schriftsteller Alfred Stoeckel, Friedrich Scherer und wie sie sonst noch alle heißen. Diese gaben mir den Halt, den ich brauchte. - Blindheit ist nichts, mit dem man nicht fertig werden könnte. Man kann damit gut leben und seinen eigenen Weg gehen. Er ist zwar steiniger, als der der Sehenden, aber er ist da. Man muss ihn nur finden. Vor allem muss man bereit sein ihn zu beschreiten."

Nach Abschluss der Rehabilitation hatte Tamara geweint. Ramona war ihr eine zweite Mutter, nein, eine Schwester geworden. Oder eher Mentorin? Aber Tamara kannte nun ihren Weg. Sie wusste, dass nicht alles vorbei war, nur weil sie nicht mehr sehen konnte. Aber sie musste sich gegen ihre Umwelt durchsetzen. Was sich nicht einfach gestaltete.

Als sie ihren Eltern eröffnete, dass sie studieren wollte, waren diese entsetzt. Besonders über ihren Studienwunsch - Jura! Sie war immer ein kommunikativer und gerechtigkeitsliebender Mensch gewesen. Was hinderte sie daran das zum Beruf zu wählen? Ihre Eltern waren jedoch anderer Meinung. "Kind", sagte ihr Vater, "das kann nicht dein Ernst sein. - Jura! - Du bist blind! - Du kannst nicht einfach irgendwo hingehen und studieren. Wie stellst du dir das vor?"

An diesem Punkt war ihr klar, dass sie alleine dastand. Ihre Eltern hatten sie als behindert abgestempelt. Für sie würde sie ein Krüppel bleiben. Seit ihrem Unfall hatte sie diese Veränderung bemerkt. Alle hochtrabenden Zukunftspläne ihrer Eltern waren zerbrochen. Schon damals als sie ihren Eltern eröffnet hatte, dass sie eigentlich Tänzerin werden wollte, war sie auf Ablehnung gestoßen. Sie hätte Medizin studieren und erfolgreiche Ärztin werden sollen. Krönung wäre die Verbindung mit einem reichen Mediziner gewesen. Es hätte auch ein anderer mit Geld sein können. Nur reich musste er sein.

Doch nun - wer wollte eine blinde Frau ohne Ausbildung, selbst wenn sie hübsch aussah? Daher konzentrierten sich die Erwartungen ihrer Eltern auf ihre Schwester. Sie war jung, hübsch, würde studieren und sich zur Zufriedenheit der Eltern verheiraten. Vielleicht ...

An diesem Abend beschloss sie, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Sie bemühte sich um einen Studienplatz, was sich reichlich schwierig gestaltete, denn viele teilten die Meinung ihrer Eltern. Blinde hatten dumm zu bleiben. Man konnte von ihnen nicht erwarten, dass sie nützlich waren. Schließlich belasteten sie das soziale System.

Als sie endlich eine Universität gefunden hatte, wo sie sich einschreiben konnte, musste sie eine Wohnung in der Nähe finden. Selbst dafür bekam sie kaum Unterstützung. In ihrer Not wandte sie sich an Ramona. Sie hatte Verbindungen zu verschiedenen Leuten, die bereit waren Blinden zu helfen.

Der Tag, an dem sie zu Hause auszog, versetzte ihr einen kleinen Stich ins Herz. Aber sie war ebenfalls stolz. Stolz auf sich, dass sie es geschafft hatte. Sie stand auf eigenen Füßen, hatte eine kleine Wohnung und einen Studienplatz. In der Fakultät gab es sogar Arbeit für sie. Folglich war sie nicht alleine auf das Geld ihrer Eltern angewiesen, welches diese nur widerwillig zur Verfügung stellten. Sie waren der Ansicht, dass das Geld verschwendet war. Aber sie wollten ihr großzügigerweise die Möglichkeit einräumen dieses selber festzustellen. Sie gaben ihr drei Monate. Nicht länger. Ihre Eltern waren davon überzeugt, dass sie spätestens dann reumütig nach Hause kehren würde und ihren Platz in der Gesellschaft als Krüppel akzeptierte.

Doch Tamara machte ihnen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schaffte sie es tatsächlich eigenständig zu werden. Sie versorgte ihren Haushalt, ging zur Uni, ja, sie hatte es sogar endlich geschafft, ihre Freizeitaktivitäten wieder aufzunehmen. Regelmäßig ging sie nun zum Tanzen. Es war zwar kein Ballett mehr, aber es war Tanz, immerhin.

Während ihres Studiums lernte sie Richard kennen. Richard Freiherr von Braunfels. Sie hatte nicht gewusst, dass er blaublütig war. Jedenfalls solange nicht, bis sie seinen Eltern vorgestellt wurde. Richard war fasziniert von ihr. Vor allem von ihrer Stärke und ihrem Selbstbewusstsein. Er unterstützte sie, wo er konnte.

Eine Glocke rief Tamara in die Gegenwart. Rasch stand sie auf, strich ihre Robe glatt und eilte den Gang entlang. Klack, klack, klack. Leise tappte der Blindenstock vor ihr her. Dann hatte sie ihren Platz eingenommen.

"Frau Staatsanwältin von Braunfels", sagte eine leise Stimme neben ihr, "ein Anruf aus ihrem Büro." "Das hat Zeit bis nach dem Urteilsspruch", erwiderte sie ebenso leise.

Stolz durchflutete sie jedes Mal, wenn sie diese Anrede hörte. Staatsanwältin! Dafür hatte sie hart kämpfen müssen. Aber nie hatte sie dabei Ramonas Worte vergessen, als sie sich damals von ihr verabschiedet hatte.

"Weißt du Tamara", hatte sie gesagt und ihr dabei eine Locke über das Ohr gestrichen, "wir haben einen Vorteil gegenüber denjenigen von uns, die blind geboren wurden. - Wir erinnern uns. - Wir erinnern uns an Farben, Formen und andere Dinge. - Sie entstehen vor unserem inneren Auge. Damit sehen wir. - Aber nur, wenn wir uns erinnern! - Manchmal, wenn ich dies vergesse, dann rufe ich die Bilder der tanzenden Lichter auf. Sie mahnen mich daran. - Also, egal was du tust in deinem Leben. - Vergiß' nie dich zu erinnern."

Ja, die Erinnerung hatte ihr geholfen, ihren Weg zu gehen. Wenn andere Menschen etwas beschrieben, so sah sie es vor sich. Nicht derart, wie die Normalen es sahen, sondern anders. Sie lächelte.

Nicht umsonst waren die Augen Justitias verbunden.

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