Kleiner Funke

Der Mann arbeitete konzentriert. Schweiß lief von der Stirn. Gedankenverloren hob er die Hand, um sie sich abzuwischen. Er fluchte leise, als er gegen das klare Glas des Helmvisiers schlug. "Ich werde mich nie an diese Dinger gewöhnen", brummte er, "wie einfach war doch das Leben vorher." "Schimpf' nicht so 'rum, Pete", hörte er eine Stimme aus dem Mikrolautsprecher neben seinem Ohr, "dafür werden wir hochbezahlt." "Danke für den Hinweis, Sam", entgegnete Pete, "hatte ich fast vergessen." Er drehte sich zu seinem Kollegen um. Sam Solarno arbeitet in der Glaskabine neben ihm. Durch die Hochsicherheitsanzüge war dessen Gesicht mit dem breiten Grinsen kaum zu sehen.

Schwerfällig wandte sich Pete wieder seinen Schalen, Proben und Reagenzien zu. Vorsichtig hantierte er mit dem brisanten Inhalt. Ein kleines Tablett mit etwa vierzig Proben in kleinen Behältnissen bestückt, trug er wie ein rohes Ei zurück zum Tresor.

Tresor, dachte er bei sich, Hochsicherheitsgefängnis für Minikiller wäre treffender. Sein Blick glitt über die Aufschrift der winzigen Behälter. Jedes einzelne von ihnen beinhaltete den unsichtbaren Tod. Und an jedem einzelnen wurde weitergeforscht, um es noch tödlicher und effizienter zu gestalten. Was für ein Irrsinn.

Behutsam tauschte er das Tablett gegen ein anderes seiner Versuchsreihe. Er war froh, als er wieder in seiner Glaskabine angekommen war. Erst als die Glastür hinter ihm zischend eingerastet war, begann er mit der Arbeit. In den Probenbehältnissen schwappte ein bisschen Flüssigkeit. Feine helle Schlieren waren darin zu sehen. Er entnahm einen winzigen Tropfen Flüssigkeit, die er auf einen Objektträger gab. Er schob es unter das Elektronenmikroskop und stellte die Schärfe ein. Ein Blick, zigtausendfach vergrößert, zeigte ihm, dass seine Schätzchen immerhin lebten. In dem winzigen Tropfen wuselten die Viren munter vor sich hin. Ob sie jedoch hielten, was sie versprachen, das würde sich erst zeigen.

Mit der Zunge betätigte er das Headphone seines Anzugs. "Carol, ich brauche ein paar Ratten hier", sagte er hinein, "die übliche Menge. Möglichst aus der gleichen Generation wie die von gestern." "Ist gut", erwiderte eine sanfte Frauenstimme, "zehn Stück bringe ich dir gleich rüber. In einer halben Stunde hast du sie."

Zufrieden legte Pete den Objektträger zur Vernichtung bereit. Jede dieser Glaskabinen verfügte über eine eigenständige Vorrichtung dafür. So sollte gewährleistet werden, dass kein einziges Bakterium oder Virus den Weg nach draußen finden sollte.

Wie so oft betätigte Pete den Schalter und wurde mit einem Funkenregen belohnt. Mit schreckgeweiteten Augen sah er, wie sich die helle Glut über seine Proben ergoss und seinen Ärmel entlang tanzte.

"Verdammt", fluchte er, "was ist das denn für eine Scheiße? - Feuer in Sektion 53!" Automatisch bediente er den Alarmknopf und griff zum Feuerlöscher, der in jeder Kabine Pflicht war und hielt auf den Brandherd. Sekunden später war kein Funken mehr zu sehen. Dünner, grauschwarzer Schwaden stieg auf und sammelte sich unter der Decke. Hastig untersuchte er das Probentablett. "Verfluchter Mist", brüllte er, "die kann ich alle vernichten! - Die Arbeit von Monaten für die Tonne."

Über allem hing das helle Jaulen der Sirene. Seine Kollegen starrten aus den anderen Kabinen zu ihm herüber. Keiner von ihnen durfte ihm helfen. Erst musste eine Kontamination ausgeschlossen werden. Er zwang sich zur Ruhe und untersuchte seinen Anzug. Auf dem linken Ärmel zog sich eine schwarze Schmauchspur dahin. Ein paar Tropfen Flüssigkeit klebten daran. Erschrocken sah er vom Tablett auf seinen Arm. Schweißbäche liefen über seinen Rücken. Einer der winzigen Probenbehälter war offen. Die feine schwarze Verunreinigung darin sagte ihm, dass ein Funke dort verglüht war und Tropfen erzeugt hatte, die ihn am Arm getroffen hatten.

Hastig sah er auf die Anzeigetafel des rechten Handgelenks. Dort wurden die Werte seines Anzugs digital dargestellt. Erleichtert atmete er aus. Alles im grünen Bereich. Nirgendwo ein Riss. Damit konnte die Flüssigkeit auch nicht durch das Material dringen. "Ich bin okay", sagte er ruhig, "kein Riss im Anzug. System funktioniert einwandfrei. Nur meine Proben sind hin. - Ich brauche einen mobilen Vernichter hier."

In der Zwischenzeit waren die Männer von der Dekontaminationsabteilung eingetroffen. Ihre roten Hochsicherheitsanzüge leuchteten regelrecht in der gnadenlosen Helligkeit der Deckenbeleuchtung. Sie hatten eine mobile Schleuse und einen Vernichter dabei. "Beobachten sie weiterhin ihre Werte, Dr. Hardwick", sagte Chief Walters zu ihm, "sollten sie abfallen, geben sie uns sofort Bescheid. Wir holen sie da raus so schnell es geht." Ruhig und präzise arbeiteten sie so rasch es ging.

Der Dekontaminationsvorgang nahm seinen vorgeschriebenen Lauf. Etwas ungewöhnlicher als sonst, aber eigentlich normal. Der mobile Vernichter wurde an die Virenschleuse angeschlossen. Sobald diese vakuumdicht verschlossen war, öffnete er diese Minischleuse auf seiner Seite und packte das gesamte Tablett samt Objektträger dort hinein. Aufseufzend sah er zu, wie die Arbeit von drei Monaten zunichte gemacht wurde. Aber selbst ihm war klar, dass verunreinigte Proben nichts außer Ärger brachten. Außerdem konnten dadurch Mutationen hervorgerufen werden, die nicht erwünscht waren. Also war der sicherste Weg noch der der Vernichtung. Trotzdem fiel es ihm nicht leicht, seine Arbeit zu zerstören.

Während er so seinen Gedanken nachhing, wartete Pete geduldig, dass die Schleuse an der Versiegelung der Tür angebracht wurde. Geduld war etwas, was er erst hatte lernen müssen, als er hier anfing. Der Tagesablauf wurde schließlich nicht allein von der Arbeit diktiert, sondern auch von den Sicherheitsvorkehrungen, die getroffen werden mussten. Überall traf man auf Sicherheitsanzüge und Schleusen. Kaum eine Abteilung wurde davon verschont. Selbst der Zugang zum Bürotrakt war mit einer Schleuse versehen.

Das laute Zischen der Entriegelung holte ihn aus seinen Grübeleien. Die Schleuse war angebracht und bereit. Er betrat sie und schloss hinter sich die Glastür der Kabine. Es zischte leise, als sich die Tür erneut verriegelte. Dann entkleidete er sich vollständig. Nichts durfte aus der Schleuse hinaus. Alles, was er bei sich trug, würde vernichtet werden. Anschließend wurde er mit verschiedenen Chemikalien geduscht. Er wusste, dass das Zeug so aggressiv war, dass seine Haut beginnen würde Pickel zu bilden und sich abzuschälen. Auch sein bisschen Haar, was er noch hatte, würde stark zu leiden haben. Vielleicht würden sie ihm diesmal endgültig ausfallen. Nun denn, was tut man nicht alles für die Wissenschaft, seufzte er in Gedanken.

... Etwas war geschehen. Ins Dunkel fiel auf einmal Licht. Blitze zuckten. Merkwürdige Geräusche. Ein Schrei entrann sich einem nicht vorhandenen Mund. Bewegung in der Wärme. Nahrung. Nahrung. Vermehren. Nahrung.... Keine Nahrung. Nichts war wie gewohnt. Doch die Wärme war angenehm. Konstant und fortwährend. Salzig, feucht. Wohin? Ein Spalt führt in tiefe Dunkelheit. Warme, feuchte Dunkelheit. Pulsieren. Woher? Nahrung, Nahrung, Vermehren ...

Pete war nackt und tropfnass, als er aus der Schleuse trat. Sofort wurde er in eine weitere Dekontaminationskammer gebracht. Dort lag ein neuer Sicherheitsanzug, den er anziehen musste. Natürlich ohne sich vorher abtrocknen zu können. Er folgte den Leuten vom Dekontaminationsteam. Die Prozedur kannte er bereits. Es war nicht das erste Mal, dass er dekontaminiert wurde. Schließlich konnte es immer wieder geschehen, das ein Probenbehältnis zu Bruch ging, oder irgendetwas Unvorhergesehenes geschah. Es würde heute ein wenig länger dauern, bis er nach Hause gehen konnte.

In stoischer Ruhe ließ er alles über sich ergehen. Ruhe war etwas, was er während seiner Arbeit als Virologe und Epidemiologe hatte lernen müssen. Dann endlich durchlief er die letzte Schleusenkammer. Dort lagen seine normalen Kleider fein säuberlich bereit. Er war froh sich jetzt ankleiden zu können. Seine Haut brannte durch die rauhe Behandlung und war gerötet. An einigen Stellen hatten sich bereits kleine Pickelchen gebildet. Seine Schleimhäute waren gereizt und er schniefte kurz. Er hasste die Dekontamination, besonders, wenn sie so gründlich sein musste, wie nach dieser Geschichte vorhin. Er würde wieder wochenlang unter Ausschlag leiden, wie damals, als die Versuchsreihe mit Ebola zu Bruch ging.

Erleichtert, dass auch diesmal alles glimpflich verlaufen war, verließ Pete die letzte Schleuse. Er würde in seinem Büro noch schnell einen Bericht schreiben und dann nach Hause gehen. Vorher holte er sich noch rasch einen Kaffee aus der Kantine. Seit heute morgen hatte er keinen Kaffee mehr getrunken und seit Stunden überhaupt keine Flüssigkeit mehr, außer dieses komische Kontrastmittel, von dem er nicht wusste, wozu es gut war und diverses andere chemische Zeugs. Genüsslich schlürfte er von der braunen Brühe. Jetzt ging es ihm bereits besser. Beinahe stieß er beim Verlassen der Kantine mit Sam zusammen.

"War ja ein schönes Feuerwerk, was du uns da geboten hast", grinste Sam ihn an. Er konnte seine spanischen Vorfahren nicht verleugnen. Schwarz glänzte das kurzgeschorene Haar. Auf der braunen Haut zeigten sich vereinzelte weiße Sprengsel. Überreste der letzten Dekontaminierung. Auch er hatte vor kurzem einen kleineren Unfall überstanden. "Weißt du, ich wollte, das ihr mal wieder was zu lachen habt", grinste Pete zurück und fuhr sich über die letzten weißblonden Haarstoppel, die ihm verblieben waren. "Es ärgert mich nur, dass der gesamte Versuch für die Katz war", brummte er verärgert, "jede Probe dieser Reihe verseucht. Drei Monate habe ich daran gebastelt und jetzt dauert es wieder drei Monate bis ich weitermachen kann."

"Das kann jedem von uns passieren", beschwichtigte Sam, "solange wir bezahlt werden, ist die Zeit nicht so wichtig." "Zeit ist etwas, was wir in der Seuchenforschung, egal ob mit Viren oder Bakterien, nicht haben", entgegnete Pete zwischen zwei Schlucken Kaffee, "jeden Tag kann die Natur uns zuvor kommen und ein Virus präsentieren, gegen das wir keine Waffe haben. - Und was dann?" "Dann werden wir nicht mehr lange genug leben um uns darüber Gedanken zu machen", erwiderte Sam trocken, "jetzt geh' nach Hause und genieße die drei Tage Urlaub, bis dein Glaskasten dekontaminiert ist. Ich werde auch nach Hause gehen." Er tippte sich kurz an die Stirn und verschwand. Pete schaute ihm hinterher. "Irgendwann wird es uns erwischen, mein Freund", murmelte er vor sich hin, "früher oder später." Langsam ging er zu seinem Büro. Er hatte noch einen Bericht zu schreiben.

Einige Stunden später machte Pete sich auf den Weg nach Hause. Kopfschmerzen plagten ihn, als er das Forschungszentrum verließ. Die Fahrzeuge, die ihm entgegenkamen, blendeten ihn. Er war froh, dass er heil seine Wohnung erreichte. Sein Auto ließ er in der Auffahrt stehen. Als er das Haus betrat und Licht machte, musste er die Augen schließen. Überrascht blinzelte er in die Helligkeit. "Nanu", murmelte er, "jetzt werde ich doch nicht zu allem Überfluss eine Erkältung bekommen, oder?"

Er beschloss rasch etwas zu essen. Der Kühlschrank zeigte sich allerdings wenig ergiebig in dieser Hinsicht. Also versuchte er es mit dem Tiefkühlgerät. Dort wurde er fündig. Das Essen landete in der Mikrowelle, während er ins Bad schlich. Zur Vorbeugung wollte er ein heißes Bad nehmen. Das Wasser plätscherte einladend in die Wanne. Ein Klingelton sagte ihm, dass die Mikrowelle fertig war. Es dampfte, als er die Nudeln aus dem Gerät nahm.

Hungrig schlang er die Portion hinunter. Beinahe verbrannte er sich noch die Zunge. Dann schaltete er den Fernseher ein. Dieser war laut genug, dass er das Programm im Bad verfolgen konnte. Achtlos warf er seine Kleider auf den Boden. "Du siehst aus wie ein gekochter Hummer", sagte er zu seinem Spiegelbild. Ein Kribbeln stieg in die Nase und er nieste heftig. Pelziger Geschmack breitete sich auf der Zunge aus.

"Ein erkälteter gekochter Hummer", korrigierte er sich und stieg in die Wanne. Wohlige Wärme umfing ihn. Der Duft von Kräutern umschmeichelte die Nase. Die Pickel fingen an zu jucken. Geistesabwesend kratzte er sich. Besonders heftig war der Juckreiz am Arm. "Autsch", sagte er und starrte auf den aufgekratzten Pickel hinunter. "Doch wieder eincremen, mmh. Ich hasse die Dekontamination. Irgendwann werde ich keine Haut und keine Haare mehr haben. Oder in umgekehrter Reihenfolge."

Das Bad konnte die Kopfschmerzen und die Erkältungssymptome nicht lindern. Früh ging er an diesem Abend ins Bett.

... Nahrung, viel Nahrung. Teilen, vermehren, bewegen. Wärme, wohltuende Wärme. Viel Nahrung...

Am nächsten Morgen wachte Pete mit hohem Fieber auf. Nur mühsam schleppte er sich in die Küche und holte sich dort das Nötigste ans Bett. Vor allem Wasser. Gierig trank er Liter um Liter. Nur um noch durstiger zu werden. Die Pickel hatten sich über den gesamten Körper ausgebreitet. Hochrot war die Haut. Die Haare lagen als flockige, nasse Masse auf dem Kopfkissen. Regelrecht in Bündeln waren sie ihm ausgefallen. Er fluchte leise. "So jetzt hat die Dekontamination es geschafft", krächzte er, "aus Pete dem Geschorenen wird Pete der Glatzkopf." Er beschloss den heutigen Tag im Bett zu verbringen. Aus seinem Medikamentenbestand nahm er eine Batterie Tabletten ein, von denen er dachte, dass sie helfen könnten.

Immer wieder fiel er in kurze wirre Schlafphasen. Am Morgen des nächsten Tages war er fast gänzlich entkräftet. Nicht einmal mehr Nahrung konnte er bei sich behalten. Mit Entsetzen stellte er fest, das Blut sich unter das Erbrochene mengte. Etwas Warmes rann über seinen Mund. Fahrig wischte er an den Lippen entlang.

Blut! Warmes, krankhaft dunkel gefärbtes Blut klebte an seinen Fingern. "Nein", hauchte er. Mühsam schleppte er sich ins Bad. Dort im Spiegel erkannte er die gnadenlose Wahrheit. Das Grauen schnürte ihm die Kehle zu. Ich muss ans Telefon, zuckte es durch sein umnebeltes Gehirn. Ich muss sie warnen ... sie müssen mich dekontaminieren ...

Mit dem letzten bisschen Kraft versuchte er ans Telefon zu gelangen, was auf der anderen Seite des Bettes stand. Er hatte das Gefühl mit einem Mal Tonnen zu wiegen. Fahrig tastete er danach. Doch es fiel polternd zu Boden. Er versuchte sich in die Höhe zu wuchten - vergeblich. Entkräftet fiel er zurück auf das Bett. Verzweifelt angelte er nach dem Hörer. Einmal, zweimal, ... zehn Mal. Immer wieder entglitt es seiner schweißigen Hand. Dann hatte er es schließlich gepackt. Die Kraft reichte kaum mehr aus um die Nummern zu drücken.

Unendlich lange dauerte es bis die Verbindung aufgebaut war. "Microvita Forschungszentrum", schallt eine Frauenstimme überlaut, "was kann ich für sie tun?" Er versuchte Worte zu formulieren, doch kein Laut drang über seine ausgedörrten Lippen. Seine Kehle brannte, als hätte er heißen Sand gegessen.

"Hallo, was kann ich für sie tun?" "Hilfe", hauchte er mit dem letzten Rest Luft aus seinen gequälten, schmerzenden Lungen. "Da haben sie die falsche Nummer. Einen Moment, ich leite sie an den Notruf weiter."

Halt, schrie sein Gehirn, nicht auflegen, ich bin verseucht! Der Notruf hilft hier nicht! Doch kein einziges Wort kam über seine Lippen. Er röchelte. Warm floss das Blut aus seinen Mundwinkeln. Er hörte sich atmen. Schwer und rasselnd. Ein, aus, ein, aus. Kurzer trockener Husten quälte seine Lungen.

Der Puls dröhnte wie Donnerschlag in seinen Ohren. Nebel umfing ihn. Sein Blick trübte sich im Fieberwahn. Dann die Dunkelheit. Pete spürte nicht mehr, wie das Telefon seiner Hand entglitt und zu Boden fiel. Aus Zufall genau auf den Aus-Knopf.

Wirre Träume marterten sein Hirn. Stunde um Stunde um Stunde. Immer länger wurden die Phasen der Dunkelheit. Bis es nichts mehr gab. Ein letzter röchelnder Atemzug und Petes Körper entspannte sich in der Ruhe des ewigen Schlafes.

... Schwelgen in reicher Nahrung. Immer mehr. Teilen, vermehren. Wärme. Kaum Platz zum Bewegen. Es wird eng. Bewegung wird träge. Kälte. Es wird kalt. Keine Nahrung mehr? Wir warten, wir warten. Kälte. Wir erstarren. Wir warten ...

Zwei Tage später wurde brutal die Tür zu Petes Wohnung aufgebrochen. Die Nachbar hatten schon vorgestern Abend einen merkwürdigen Geruch wahrgenommen, aber es für eine tote Ratte gehalten. Als die Männer vom Firedepartment in Petes Schlafzimmer kamen, bot sich ihnen ein grauenhafter Anblick.

Petes Körper lag in einer merkwürdig verrenkten Haltung da. Als ob er sich im Moment des Todes aufgebäumt habe. Sein Mund ein offenes, beinahe vertrocknetes Loch. Eingetrocknetes Blut als makabre Spur führte von den Mundwinkeln zum Kinn. Überall die getrockneten Überreste von Blut, Erbrochenem und Exkrementen. Die Haut fahl mit einem Widerschein einer ehemals hummerroten Färbung. Pusteln, die an Einstiche erinnerten übersäten den Leichnam.

"So was habe ich noch nie in meinem Leben gesehen", stieß der Chief hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn, "und ich habe viel erlebt in meinen Dienstjahren." Der gerufene Leichenbeschauer hatte kaum versucht Petes Körper zu betrachten. "Rufen sie am besten die Officers", sagte er beunruhigt, "mit großer Wahrscheinlichkeit liegt ein Gewaltverbrechen vor." Er hatte es tunlichst vermieden den Leichnam zu berühren. Aus irgendeinem Grund sträubten sich seine Nackenhaare, wenn er diesem merkwürdigen Rest einstigen menschlichen Lebens zu nahe kam.

Keine halbe Stunde später wimmelte es in Petes Wohnung von Beamten der Polizei. Sorgfältig wurde alles in seiner Wohnung untersucht. Nach eingehender Begutachtung wurden Petes Überreste in einen Plastiksack verpackt und in die Gerichtsmedizin überstellt.

... Erneut Wärme. Erwachen. Regung. Bewegung. Neue Nahrung? Wir kosten. Gute Nahrung. Viel Nahrung. Teilen. Vermehren. Wohlige Wärme. Wir fühlen uns wohl. Nahrung. Wärme. Bewegung. ...

Sam zeigte sich beunruhigt. Sein Kollege Pete war nicht zur Arbeit erschienen. Automatisch ging sein Blick zu der Glaskabine hinüber, die Petes Arbeitsplatz darstellte. Frisch dekontaminiert blinkte und blitzte jede Kante und Ecke in diesem Kasten. Sam sah noch den Unfall vor sich und spürte den Schrecken, der ihn durchfahren hatte. So etwas konnte jedem von ihnen hier geschehen.

Vorsichtig nahm er ein Probenbehältnis auf. In dieser winzigen Menge Flüssigkeit schwamm der tausendfache Tod, dachte er bei sich, es ist seltsam wie friedlich dies doch aussah. Beinahe wie Wasser. Wären da nicht diese winzigen Schlieren gewesen. Kaum wahrnehmbar mit dem bloßen Auge. Sam wusste, das diese Schlieren von winzigen Kügelchen verursacht wurden, die den Viren einen Halt geben sollten.

"Dr. Sam Solarno", hörte er eine sanfte Frauenstimme im Mikrolautsprecher seines Anzuges, "sie möchten bitte unverzüglich ins Büro von Professor Winters kommen." Er hatte das Gefühl, das etwas Eiskaltes ihn gestreift habe. Es war äußerst selten, dass man zu Professor Winters bestellt wurde. Und wenn, dann hieß das meist nichts gutes.

"Ich komme", antwortete er knapp. Seine Hände verschlossen sorgfältig das Probengefäß. Die kontaminierten Gegenstände legte er in den Vernichter. Ein Knopfdruck und wenige Minuten später existierte nichts mehr davon.

Schwerfällig bewegte er sich auf die Tür seines Glaskasten zu. Seine Gedanken rotierten, während er den Hochsicherheitsbereich des Labors verließ. Automatisch durchlief er den Dekontaminationsprozeß.

Er hatte ein flaues Gefühl im Magen, als er das Büro von Professor Winters betrat. Die Sekretärin nickte ihm kurz zu und wies mit dem Kopf in Richtung Tür. "Die Herren warten bereits", informierte sie ihn leise, "es sind Detectives anwesend." Detectives? Was hatte er verbrochen? "Danke Ms. Miller", antwortete er und klopfte an die Tür, bevor er diese öffnete.

Das Gespräch im Inneren verstummte. Professor Winters winkte ihn ungeduldig herbei. "Dies ist Dr. Sam Solarno", stellte er ihn vor, "Sam, das sind Detective Burgh und Detective Steward. - Sam ... - Pete Hardwick ist tot."

Wie? Pete war tot? Entsetzt schaute Sam von einem zum anderen. "Wie bitte", wiederholte er laut, "Pete ist tot? - Aber wie ... ?" "Wir wissen es noch nicht genau", erwiderte Detective Burgh, "er wird gerade in der Gerichtsmedizin untersucht. Wir vermuten ein Gewaltverbrechen. Allerdings konnten wir nirgendwo Spuren gewaltsamen Eindringens in die Wohnung feststellen. Wir dachten, dass sie, als sein Freund, uns vielleicht weiterhelfen könnten. - Wer hätte ein Motiv gehabt? Schließlich muss er den Täter gekannt haben. Sonst hätte er wohl kaum die Tür geöffnet."

Langsam setzte sich Sam hin. "Pete lebte allein", sagte er abwesend, "er hatte keine Feinde. Seine Arbeit war sein Leben. Und hier, zu uns Kollegen war er immer freundlich und zuvorkommend. Ein richtiger Freund." Detective Steward musterte Sam kritisch. "Aber irgendeiner seiner sogenannten Freunde hat ihm dies hier angetan", sagte er scharf und warf Sam ein paar Bilder hin. Irritiert blickte Sam auf die Fotos. In gnadenloser Schärfe waren die Überreste Petes zu erkennen. "Oh mein Gott", flüsterte Sam erschüttert und blätterte von einem zum anderen. Sekunden verstrichen und wurden zu Minuten.

Plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntnis. Diese Bilder hatte er schon einmal gesehen. Allerdings nicht mit einem menschlichen Körper, sondern bei Ratten. Es war erst einige Wochen her und es waren Petes Ratten gewesen - seine Versuchsreihe 256. Sams Gesicht verlor jede Farbe, als er über die Konsequenz nachdachte.

"Haben sie uns etwas zu sagen?" Die Stimme von Detective Steward klang eisig. Sam sah auf und in die Augen Professor Winters. Dieser verstand sofort. "Oh Gott steh uns bei", presste er hervor, "Sam sind sie sich sicher?" "Pete hatte vor fünf Tagen einen Laborunfall", sagte Sam leise, "das muss die Ursache sein. - Diese Bilder hier - ich habe sie vor sechs Wochen bei Pete gesehen. Allerdings waren es damals Laborratten. - Er arbeitete an einem neuen Virus. Einem aus der Familie der Grippe. Er versuchte die Symptome der Grippe zu verstärken. Außerdem verbesserte er Wirksamkeit und Vermehrungsrate. Sein Virus soll eine äußerst kurze Inkubationszeit haben. Von der Infizierung bis zum Tod waren es bei Laborratten weniger als 48 Stunden. Zu den normalen Grippesymptomen stellten sich später hämorrhagisches Fieber und kleine offene Pusteln, die wie Pocken aussahen ein. Extreme Blutungen aus den Körperöffnungen gehörten ebenfalls dazu. - Pete nutzte neben den Grippestämmen auch Ebola und Pocken für seine Forschung. Gut, ich weiß auch, dass das doch verschiedene Virenstämme und Familien sind, doch Pete wollte beweisen, dass die Natur imstande ist Brücken zu schlagen. Er wollte ein Supervirus erschaffen und damit der Natur zuvor kommen. Das tückische an seinem Virus ist allerdings, dass es ein Schläfer ist."

Die Detectives sahen ihn fragend an. Professor Winters dagegen war aschfahl im Gesicht geworden. "Schläferviren sind die gemeinsten, die es gibt", erklärte Sam, "sie sterben nicht mit ihrem Wirt. Sie verfallen eher in eine Art Winterschlaf, um es mal so zu bezeichnen. Sie überleben im Fleisch und in den Knochen der Leiche. Selbst durch die Verwesung werden sie nicht zerstört. Sie warten, bis sich ein neuer Wirt an der Leiche oder deren Überresten zu schaffen macht. Oder auch an Dingen, die der Wirt kurz vor seinem Tod berührt hatte. Sie warten im Boden, auf Stein oder andern Substanzen - sie warten solange, bis ihre Umgebung wieder die gewohnten 35 °C aufweist. Dann setzen sie ihr Werk fort."

"Aber sie sind nur durch Blut zu übertragen", fragte Detective Steward entsetzt. Sam schüttelte bedauernd den Kopf. "Wie ich vorhin sagte, es ist ein Schläfer. Es kann auf jedwedem Ding oder sonst was überleben. Es verfällt in Starre und wartet. In der Regel gibt es verschiedene Übertragungswege. Der eine Virus wird durch Tröpfcheninfektion übertragen, wie die Grippe, der andere durch Blutkontakt oder noch andere Wege", sagte Sam geistesabwesend, "Petes Virus war so konzipiert, dass er durch die Haut eindringen konnte. Durch die winzigen Spalten und Poren, die unsere Haut besitzt. Eine Berührung ist ausreichend, um sich zu infizieren."

Nun war gänzlich jegliche Farbe aus Professor Winters Gesicht gewichen. "Ich dachte nicht, dass er schon so weit war", hauchte er, "Pete scheint es geschafft zu haben. Gibt es schon ein Gegenmittel?" Sam schüttelte bedauernd den Kopf. "Tut mir leid", entgegnete er, "doch so weit bin ich noch nicht. Ich hinke Petes Forschung hinterher. Zurzeit arbeite ich mit der Reihe 234, die er vor etwa drei Monaten erzeugt hat. Diese war noch nicht so ausgereift. Für diesen Stamm kann das Gegenmittel in ein paar Tagen hergestellt werden. Sie sprechen gut auf die Mittel an, die ich zurzeit teste."

Der Blick des Professors verdunkelte sich. Seine Hand ging zur Gegensprechanlage. "Ms. Miller, ich brauche sofort den Chef vom National Desease Control Center. Lassen sie sich nicht abwimmeln. Sagen sie ihm, es ist Code Red."

Die beiden Detectives verstanden immer noch nicht, was eigentlich die Aufregung verursachte. "Also geben sie zu, etwas mit dem Mord zu tun zu haben", bohrte Detective Steward weiter. Sam sah ihn an. Seine Augen waren dunklen Gräbern gleich. "Ich hoffe sie haben Pete nicht angerührt", sagte er leise, "denn sie verstehen nicht, was hier los ist." "Dann klären sie uns auf", erwiderte Detective Burgh eisig. Die Hand in seiner Jackentasche schien mit einem Gegenstand zu spielen. Handschellen, fragte sich Sam.

"Jeder der Pete angerührt hat oder Gegenstände, die er in den letzten 48 Stunden vor seinem Ableben in den Händen hielt, trägt das Virus in sich. - Fühlen sie sich schlapp? Haben sie Kopfschmerzen? Trieft ihre Nase? Beginnt ihre Haut sich zu röten? Haben sie kleine Pusteln auf der Haut, die wie Pickel aussehen? - Dies sind alles Symptome."

"Aber das ist doch nur eine Erkältung", warf Detective Burgh ein und zog die Nase hoch. Sein Gesicht hatte ein ungesunde rote Färbung. Geistesabwesend kratzte er sich am Arm. Kleine rote Pusteln waren an seinem Handgelenk zu sehen. Entsetzt und mit Grauen nahm Sam dies zur Kenntnis. Wir sind alle zum Tod verurteilt, durchfuhr es ihn.

"Patterson hier", tönte es aus der Gegensprechanlage, "Mick, du wolltest mich sprechen? - Was soll der Unsinn von Code Red? - Das ist unmöglich!" "Tut mir leid Steve", erwiderte Professor Winters gefasst, "aber es ist leider wahr." Mit knappen Worten informierte er Professor Patterson von den Geschehnissen. Einige Sekunden herrschte Schweigen in der Leitung. "Ich werde eine sofortige Quarantäne veranlassen", sagte Patterson, "vielleicht können wir so noch eine weltweite Katastrophe verhindern. Ab sofort steht das Forschungszentrum unter Quarantäne der Stufe Rot. Veranlasse alles Notwendige. Halte mich auf dem Laufenden. Um die Stadt und den Landkreis kümmere ich mich. Ich werde alles hermetisch abriegeln lassen. Ich wünsche euch allen viel Glück." Dann war nichts mehr zu hören.

"Was soll das heißen", fragte Detective Steward grob. Professor Winters ignorierte ihn. "Ms. Miller, eine Freischaltung für das ganze Gebäude", sagte er knapp. Drei Sekunden später knackte die Anlage. "Sie sind freigeschaltet, Herr Professor." Er räusperte sich kurz.

"Dies ist eine Mitteilung an alle Mitarbeiter von Microvita. Ab sofort gilt Quarantäne der Stufe Rot für das gesamte Gelände. Die Sicherheitsposten werden angewiesen ihre Schutzanzüge anzuziehen und niemanden - ich wiederhole - niemanden auf das Gelände oder vom Gelände gehen zu lassen. - Sollte sich jemand dieser Anordnung widersetzen, so haben die Posten die direkte und unmissverständliche Anweisung diesen zu erschießen. - Dies geschieht für die nationale Sicherheit. Ich weise alle an, in ihren Büros zu bleiben. - Vermeiden sie Berührung mit Personen. Egal mit wem. - Die Telefonleitungen nach draußen stehen ihnen offen. Informieren sie ihre Familien. - Sollten sie Erkältungssymptome zeigen, müssen sie sich unverzüglich in der Quarantäne der Hochsicherheitszone melden. - Ihre Familien werden in Kürze Besuch vom NDCC bekommen. Weisen sie sie an, deren Anweisungen Folge zu leisten. - Niemand darf die Stadt verlassen."

Sam war in der Zwischenzeit langsam zum Fenster gegangen. Draußen schien die Sonne. Es war warm. Ideal für ein Virus, dachte er bei sich. Wieviele waren schon infiziert? Wieviele Wirte hatte es bereits gefunden? Konnte es noch gestoppt werden? Oder war dies das Ende? Er dachte an seine Frau Vivi und die beiden Kinder Joyce und Damian. Unbewusst hörte er Kinderlachen. Er lächelte sanft. In sich trug er die Hoffnung, dass sie es vielleicht überleben würden.

Für sie alle hier im Labor dagegen war das Ende nah. Er wusste, dass keiner dieses Gelände lebend verlassen würde. Wer Symptome zeigte, würde in die Quarantänestation kommen. Sobald sich dort zeigte, dass sie tatsächlich Träger des Virus waren, würde man ihnen eine Spritze geben, um das Leiden zu verkürzen. In der Zwischenzeit würden diejenigen, die gesund waren, verzweifelt und fieberhaft versuchen ein Gegenmittel zu entwickeln. Sollte dies nicht gelingen ...

... Nahrung. Viel Nahrung. Teilen. Vermehren. Wärme. Zufriedenheit. Wir teilen. Bewegung. Kälte? Keine Nahrung? Nur für kurze Zeit. Erneut Wärme. Erneut Nahrung. Bewegung. Teilen. Vermehren. Wärme. ...

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