Irgendwo dazwischen

Sie trieb dahin. Schwerelos. In einem Meer von Nichts. Farben verschwammen. Von Ferne Stimmen. Was sprachen sie? Nur Bruchstücke vernahm sie. Alles andere verschmolz zu einer Ansammlung von Tönen. "Adeline! Hörst du mich." Eine flehentliche Stimme. Wem gehörte sie? Sie wusste es nicht mehr. Wer war Adeline?

Träge bewegte sie sich. Sie spürte nichts. Bewegte sie sich wirklich? Sie sah Bewegung in dem farbigen Meer. Rhythmisches Rauschen. Ein immer wieder kehrendes Zischen. Wo war sie? Suchend blickte sie sich um. Versuchte mit ihren Füßen den Boden zu fühlen. Dicke, träge Nebelschwaden umwaberten ihre Beine bis zu den Knien. Bewegte sich wie Wasser, als sie vermeintlich ging. "Hallo, ist da jemand?"

"Hallo - hallo - hallo", hallte es tausendfach, "ist .... jemand? - Jemand? - Jemand?" Sie drehte sich im Kreis. Himmel und Erde verschwammen zu einer Einheit aus bunten Farben. Himmel und Erde? Prüfend beugte sie sich hinunter. Fühlte mit ihren Händen den Boden - wenn da einer gewesen wäre!

Erschrocken fuhr sie zurück! Das rhythmische Rauschen schwoll an. Hastig atmete sie. "Hallo, wo bin ich? Was ist passiert?" Wiederum antwortete ihr das Echo. "Bin ich tot?" "... tot - tot - tot ..."

"Ist das die Hölle?" "... Hölle ... Hölle ..." Das Rauschen hatte sich abgeschwächt. Wieder hörte sie die einschläfernde Rhythmik. Was war das? Sie erinnerte sich. Ihr Herzschlag! Das Pumpen ihres Herzens, wie es das Blut durch ihre Adern presste. Wenn sie ihr Herz hörte, konnte sie unmöglich tot sein!

Ein Alptraum? Wo waren die Monster? Wo war der schwarze Mann mit dem Messer? Oder die Phantome, die sie sonst gequält hatten? Nichts von alledem existierte. Falls es ein Alptraum war, würde sie erwachen. Was musste sie tun, um wach zu werden? Was zwang ihren Körper in die Realität? Sie musste sterben! Aber wie? "Nein, ich muss fallen!" "Nein - nein - nein .... fallen - fallen", brauste das Echo. Wie fiel man, wenn man schwebte?

Plötzlich spürte sie Schmerz. Schmerz - Schmerz - Schmerz. Sie fiel, verlor den Boden unter ihren Füßen. Ihr Herz setzte aus. Immer schneller wurde ihr Fall. Ihr Herz raste.

Der Schmerz explodierte in ihrem Körper mit wahnwitziger Wucht. Tausendfach gellte ihr Schrei. Zerriss beinahe ihr Trommelfell. Immer schneller näherte sie sich der Wand aus zerfließenden Farben. Schließlich prallte sie auf. Es nahm ihr die Sinne. Das plötzliche Fehlen des Schmerzes tat ihr genauso weh, wie der eigentliche Schmerz davor.

Die Wand war wie weiche Watte. Etwas zog sie vorwärts. Etwas drängte sie durch die Wand. Allmählich lichteten sich die Farben. Ordneten sich. Ein Bild entstand vor ihr. Licht blendete sie. Sie blinzelte. Verdrängte den letzten Rest des farbigen Meeres.

Sie schwebte immer noch. In einer Ecke. Dort, wo eigentlich der Fernseher hing. Durch das Panoramafenster drangen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. In einem weißen, steril wirkenden Bett lag eine zarte schmale Frau. Dunkelbraunes Haar umrahmte das bleiche Gesicht. Der Atemschlauch störte. Eine Frau saß daneben. Ihre Hände hielten verzweifelt die rechte bleiche, schlaffe Hand der jungen Frau im Bett. Die Schultern zuckten im Weinkrampf. Tränen tropften auf die blasse Hand.

Ein Mann stand hinter ihr. Legte tröstend die Hände auf die Schultern der Frau. Sie sah Leute in weißen Kitteln. Maschinen waren um das Bett herum aufgebaut. Ein Monitore zeigte eine durchgängige Linie. Ein hoher Summton verstummte abrupt, als einer der Leute in Weiß den Schalter umlegte.

Nun merkte auch sie, dass ihr Herzschlag verstummt war. Sie hörte nichts mehr. Nein, schrie sie, ich bin doch jung! Das kann nicht das Ende sein! Sie hörte nichts. Das Licht der Sonne strahlte mit einem Mal wesentlich heller. Zog sie magisch an. Eine Kraft zerrte an ihr. Mit einem letzten Blick auf ihre Familie, gab sie dem Sog nach. Ließ sich treiben. Hinfort auf das immer heller werdende Licht zu.

Leise schloss sich die Tür. Mit verweinten Augen sah die Frau den Arzt an. Ihr Mann stand bleich neben ihr. Seine Augen leer und müde. "Wie steht es um unsere Tochter, Dr. Markwart", fragte sie leise. Dieser schüttelte ernst den Kopf. "Ich weiß es nicht", erwiderte er, "Komapatienten sind ein schwieriges Thema. Die meisten erwachen nicht mehr aus diesem Zustand. Und wenn, dann mit bleibenden Schäden." "Was für Schäden", fragte die Frau gefasst, "kann Adeline damit normal leben?" "Nein, diese Schäden beziehen sich meist auf das zerebrale Zentrum", nahm Dr. Markwart ihr jede Illusion, "sie wird Zeit ihres Lebens ein Pflegefall bleiben. Bedenken sie, sie war bereits klinisch tot, als man sie einlieferte. Es war ein Wunder, dass wir sie reanimieren konnten. - Sie sehen ja selber. - Adeline liegt nun seit einem Jahr im Koma. Die Chance, dass sie wieder erwacht reicht gegen Null."

Einige Minuten herrschte Schweigen. "Sehen sie,", hob er leise an, "sie müssen sich den Zustand vorstellen, wie eine Gratwanderung zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Sie hängt irgendwo dazwischen. Gehört nicht ganz ins Leben und nicht ganz dem Tod. Sie kann diese Entscheidung nun nicht mehr treffen."

Schwer atmete die Frau ein. Sie wanderte zum Fenster. Sah die Sonne, wie sie langsam gegen den Horizont sank. "Adeline hatte ein Patiententestament", flüsterte sie, "sie wollte nicht so leben." Mit Tränen in den Augen reichte sie dem Arzt einen Briefumschlag. Sie hatte ihn heute morgen vom Notar geholt, wo er hinterlegt war.

Schweigend nahm Dr. Markwart den Brief. Er wusste, was folgte. Bereits einige Male hatte er diesen schweren Gang beschritten. Es war nie leicht gewesen. Doch er wusste, dass bei den meisten, die auf dieser Station lagen, alle Hoffnung vergebens war. Er öffnete den Umschlag. Las sorgfältig die Zeilen.

"Wir werden ihrem Willen Folge leisten", sagte er, "gehen sie zu ihrer Tochter. Verabschieden sie sich. - In einer Stunde werden wir die lebenserhaltenden Maschinen abstellen." Seine Augen suchten die Gesichter der beiden Menschen vor sich. Sie waren gefasst, gingen schweigend aus dem Besprechungszimmer.

Seufzend lehnte er sich in seinen Sessel. Blickte in die Sonne. Langsam schob sie sich dem Horizont entgegen. Berührte diesen. Begann zu versinken. Laut hörte er das Ticken der Uhr an der Wand. Es wurde Zeit.

Herbert Utz Verlag, Thema "dazwischen", November 2003

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