Frank stand am Rand der Wüste. Schroff fiel der Fels vor ihm ab. Wo er stand, war einst Wasser gewesen. Und dieses einst war nicht lange her. Er erinnerte sich zwar nicht daran, weil es vor seiner Zeit geschah, doch er hatte Bücher gelesen. Bücher, die für die meisten Menschen verboten waren. Bücher, die vor der großen Katastrophe geschrieben wurden. Bücher, die konserviert wurden, um dem Unbill der Zeiten zu trotzen. Und er gehörte zu jenen Privilegierten, welche die alten Filme sehen durften, in denen man große Meere und eine unendlich scheinende Menge Wassers sehen konnte.

Er wusste, dass dies einmal Wirklichkeit war. Gedankenverloren starrte er hinaus auf die felsige, teilweise sandige Ebene, die den Geruch von Salz verströmte. Einst schlugen Wellen gegen diesen Felsen. Keine fünfhundert Jahre war dies her. Wie war das Meer hier bezeichnet worden? Atlantik?

Nun war alles nur noch Sand und Stein soweit das Auge reichte. Dunkelblauer Himmel berührte flirrendes, heißes Erdreich, dass zu soliden harten Platten verbacken war. An manchen Stellen schimmerte es weiß. Aus dieser Entfernung vermochte Frank nicht zu sagen, ob es sich dabei um Salz oder eher um Kalk handelte.

Seien Stiefelspitzen schoben bedächtig eine kleine harte Muschel vor sich her. Muscheln fanden sich überall. Zeugen eines einstigen Reichtums. Keiner der heutigen Menschen konnte sich derartige Wassermassen nur vorstellen. Nur kleine Seen waren davon geblieben. Weit von hier. An den tiefsten Punkten dieser Welt. Seen, die eigentlich nur pures flüssiges Salz enthielten. Denn Wasser konnte man diese zähflüssige träge Masse kaum noch nennen. Alles andere war vergangen. Geschrumpft zu einer bloßen Erinnerung in Märchen und Legenden.

‚Meine Lungen schmecken den Wind der Zeit ...der weht über gefallenem Sand ...’

Wann hatte er diese Zeilen gelesen? Es musste einige Jahre her sein. Während seiner Ausbildung. Er erinnerte sich nicht mehr an den Autor, jedoch an den Titel. „Der Wüstenplanet“. Franks Lächeln wurde sarkastisch. Der Schreiber dieses Buches hatte höchstwahrscheinlich nicht an die Erde gedacht, als er es schrieb.  Wie auch. Niemand hatte damit rechnen können, dass es nur wenige Jahrhunderte dauerte, bis sich das düstere Szenario dieses Mannes bewahrheitete. Zwar gab es keine Würmer und kein Gewürz, aber eine unendliche glühende Wüste. Von den einstigen Milliarden Menschen, die diese grünblaue Kugel einst bewohnt hatten war nunmehr ein Bruchteil übrig. So viele fanden den Tod. So viele hatten das Armaggedon nicht überlebt. Und diejenigen, die am Leben blieben, wähnten sich in der Hölle. Das Wasser versiegte, die Bäume und Sträucher zerfielen zu Asche. Zurück blieb eine karge, sand- und felszerklüftete Wüste mit den Überresten eines einstigen Paradieses. Dabei hätte es verhindert werden können. Darüber waren sich die hohen Priester und der oberste Wassermeister einig. Ein wenig mehr Vernunft. Ein bisschen mehr Einsehen. Etwas mehr Verständnis und Entgegenkommen. Dann könnten immer noch schaumgekrönte Wogen gegen dieses Gestade branden. Stattdessen brachte kleinkariertes Denken, Ignoranz und egoistisches Handeln den Tod über den einstmals blauen Planet.

Abrupt drehte Frank sich um. Er hatte genug gegrübelt. Die Arbeit wartete auf ihn. Mit raschen Schritten hielt er auf einen gewaltigen Bau zu, der sich an den Rand hochaufragender Felsen schmiegte. In der Mitte dieses Gebäudes aus soliden, großen Felsquadern, erhob sich eine Kuppel mit einem riesigen Schornstein. Feine hellgraue Schwaden kräuselten sich aus dessen Spitze und zerfaserten im leichten Wind. Am Rande nahm er wahr, dass Nachschub eingetroffen war. Vor dem gewaltigen Portal standen vier riesige, dunkelgraue Container, über die noch der Schatten des Transportfliegers zu sehen war. Träge zog dieser Richtung Süden. Arbeiter in grauen Anzügen eilten herbei. Vorsichtig öffneten sie einen der Container. In seinem Inneren stapelten sich mehrere Reihen grauer Behälter. Alle annähernd zwei Meter lang und etwas über einen halben Meter breit. Graue Rechtecke, die nichtssagend aussahen und doch so kostbar, dass es den Arbeitern verboten war ihren Inhalt zu sehen. Nur wenige durften wissen, aus was für einem Rohstoff das kostbare lebensspendende Nass gewonnen wurde.

Die Arbeiter sprachen nicht, während sie sorgsam die Container entluden. Trotzdem beeilten sie sich. Nachdem die Behälter abgeladen waren, brachte man sie zu einem Fließband. Dieses trug sie ins Innere des Komplexes. Einer nach dem anderen verschwand im düsteren Schlund der Anlage. Nur das leise Rumpeln des Transportbandes war zu hören und die schlurfenden Schritte der Männer, die einen Behälter nach dem anderen darauf legten.

Emotionslos sah Frank zu, wie die grauen Rechtecke abgeladen wurden. Scheue Blicke streiften ihn. Seine indigoblaue Robe und die weiße Gesichtsmaske mit Augenschlitzen kennzeichneten ihn als Wassermeister. Ohne Familie und ohne die Aussicht je eine gründen zu dürfen. Denn die Wassermeister dienten der Allgemeinheit. Seinen Namen musste er ablegen, als er das Amt antrat. Und nicht nur seinen Namen. Seine gesamte Identität. Nur sein Vorname war ihm geblieben. Frank. Wie er weiter hieß, konnte er bereits nicht mehr sagen. Zu lange lebte er schon im Schatten der Anlage. Zu lange hatte er keinen Kontakt mehr zu denen, die er liebte.

Wassermeister. Damals war er stolz gewesen, diese Auszeichnung zu erhalten. Schließlich sicherten die Wassermeister den Bedarf an Trinkwasser, den die Bevölkerung benötigte. Und Wasser war knapp. Nur das Allernötigste wurde verteilt. Es gab einige wenige Konzerne auf der Welt, die Wasser vertrieben. Sie kontrollierten die Wasserabgabe. Sie bestimmten den Preis. Sie wurden verehrt wie Götter. Für jeden Menschen der Erde wurde das Wasser rationiert. Verschwendung war ein Verbrechen, das mit dem Tode gesühnt wurde. Doch Herr über das Wasser waren eigentlich die Wassermeister. Sie bestimmten, wieviel Liter den Konzernen zur Verfügung gestellt wurde. Durch lange unterirdische Pipelines gelangte das lebensspendende Nass rein und klar an ihren jeweiligen Bestimmungsort.

Wassersammelanlagen gab es wenige auf der Erde. Pro Anlage gab es eine Handvoll Wassermeister. Eine große Ehre und eine große Verantwortung. Nur ... hätte er vorher gewusst, auf was er sich einließ, er hätte niemals die Wahl angenommen. Frank verfluchte den Tag, als er zum Wassermeister gewählt wurde. Gleichzeitig dankte er dafür, dass er es werden durfte. Dadurch erhielt er Zugang zu dem Wissen, welches die meisten Menschen bereits vergessen wähnten oder gar nicht mehr bewusst waren, es je gewusst zu haben. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. Kaum jemand wusste, dass sogar die Bezeichnung ‚Wassermeister’ aus einem alten Buch übernommen worden war.

Mit weiten Schritten hielt Frank auf das steinerne Portal zu. Lautlos schwang dieses auf. Kühler Schatten umfing ihn. Erleichtert atmete er auf. Er liebte zwar die kleinen Spaziergänge draußen vor der Anlage, doch jedesmal war er beruhigt, wenn er die soliden Hallen erneut betrat. Nur unzureichend wurden die weiten Hallen und Gänge erleuchtet. Traumwandlerisch fand er den Weg ins Zentrum. Dorthin, wo nie ein Arbeiter gelangen würde. Dorthin wo es heißer war, als in der schlimmsten Wüste der Erde. Dorthin, wo das Ende gleich dem Anfang wurde.

In einer schmalen Kammer tauschte er seine Gesichtsmaske gegen eine andere. Eine, die sein Gesicht hermetisch umschloss. Dort, wo sie sich an sein Kinn anschmiegte, ragte ein Schlauch heraus. Dieser führte zu einem Zylinder, den er auf den Rücken schnallte. Dann betrat er eine gewaltige Halle. Es war diejenige, welche von der hohen Kuppel gekrönt wurde, wenn man die Anlage von außen betrachtete.

Stampfende, dumpfe Geräusche hallten durch das Gemäuer. Brachen sich vielfach. Es war ein Mahlen und Reißen, Kneten und Walken. Zerfließen und erhitzen. Dampf sammelte sich an metallenen Wänden, wurde hinter dunklem Glas zu zarten Strömen, die sich in einem gut abgeschirmten Becken sammelten. Glitzernd brachen sich kleine Wellen an den Rändern. Kostbares Nass. Ein unermesslicher Reichtum. 

Die Transportbänder brachten langsam, beinahe geräuschlos, eine nicht enden wollende Schlange grauer Behälter in die Halle. Bedächtig öffneten die Wassermeister die Siegel, mit denen diese verschlossen waren. Zischend gaben sie ihren Inhalt preis, wenn vorsichtig mit Hilfe eines Greifarms der Deckel gehoben wurde.

Jedesmal aufs Neue war Frank fasziniert von dem entsetzlichen, manchmal grauenerregenden Bild, welches sich ihm bot. Anfangs hatte es ihm Alpträume beschert. Oftmals konnte er nichts zu sich nehmen, wenn er seine Schicht beendet hatte. Mittlerweile war er daran gewöhnt. Es kam nicht mehr oft vor, dass er ein Würgen unterdrücken musste.

Nicht so an diesem Tag.

Als der Deckel angehoben wurde, fiel das fahle Licht der Deckenbeleuchtung in das Innere des Behälters. Mit einem lauten, markerschütternden Aufschrei ließ Frank seine Instrumente fallen. Gelähmt vor Entsetzen stand er starr. Die übrigen Wassermeister stoppten die Bänder und unterbrachen ihre Arbeit. Langsam kamen sie näher.

Frank schluchzte und bebte. Tränen liefen über seine Wangen. Füllten die Maske hinter der er sein Gesicht verbarg. „Wer ist sie?“ Kaum drang diese Frage in sein Gehirn. Nur mit Mühe konnte er sich auf den Beinen halten. Er hatte das Gefühl, mit einem Male Watte in ihnen zu haben. Mit unendlichem Leid in den Augen blickte er William an. Denn dieser war es, der das Wort an ihn richtete. Einige Male atmete er ein und aus. Jedesmal vernahm er seinen Herzschlag dumpf  in seinen Ohren.

Nichts vermochte seinen Blick von der Frau zu lösen, deren Überreste vor ihm lagen. Schwimmend in einer Lache sich in Auflösung befindlichen Fleisches. Die Gesichtsmaske verhinderte, dass der aufsteigende Geruch Brechreiz auslöste. Und dennoch war er kurz davor diesem Gefühl nachzugeben. Das schöne Gesicht, an welches er sich so gut erinnerte, war zu einer formlosen Masse mutiert. Unter aufgedunsenen, kaum erkennbaren Augenlidern schimmerten durch schmale Schlitze die Augen wie Murmeln aus Eis. Einstmals hatte nachtschwarzes Haar die Züge umrahmt. Nun trieben stumpfe, strähnige Zipfel in einer Brühe aus Körperflüssigkeit und geronnenem Blut.

„Sie war meine Schwester“, krächzte Frank unter Tränen. Hektik breitete sich unter den Wassermeistern aus. Normalerweise durfte dies nicht geschehen. Durch ein ausgeklügeltes System wurde im Regelfall solch ein markanter Fehler vermieden. Nie durfte ein Wassermeister einen seiner Angehörigen in der Halle des Wassers wiedersehen.

William zog Frank mit sich. „Komm mit“, sagte er leise, „du solltest dies jetzt nicht tun. Marvin wird sich um deine Schwester kümmern.“ Gehorsam entfernte sich Frank einige Meter. William geleitete ihn. Dann riss Frank sich los und eilte zurück zu dem grauen, anonymen Behälter. Er wusste, dass er dies nicht tun sollte, doch mit einem Ruck entfernte er die Maske von seinem Gesicht.

Schlagartig wurde er beinahe überwältigt von dem grauenhaften Odem, der in der Halle vorherrschte. Aus den vielen geöffneten Behältern strömte hundertfach der Geruch nach Tod und Verwesung. Unendlich langsam beugte er sich über den Behälter. Seine behandschuhte Hand näherte sich dem Gesicht seiner geliebten Amelie. Seit seiner Wahl zum Wassermeister hatte er sie nicht mehr gesehen. Er hatte angenommen, sie lebe in einer anderen Region. Glücklich und zufrieden mit ihrem Schicksal.

Sie war bereits damals Gebärerin gewesen. Eine jener Frauen, die dafür sorgten, dass die Menschheit überlebte. „Was ist geschehen“, murmelte er, während er zart die aufgedunsene graue Haut berührte. Schwammig gab sie nach. Das eine Augenlid glitt ein Stückchen zurück. Gab den Blick auf die gebrochenen, einstmals blauen Augen frei.

William wagte nicht ihn aufzuhalten. Zu sehr war er in dem eigenen Entsetzen gefangen. Frank richtete sich auf. Seine Augen suchten die Codierung des grauen Behälters. Diese gab Auskunft über den Körper, der in seinem Inneren verborgen lag. Nur die Wassermeister vermochten diesen Code zu entschlüsseln. „Amelie Cooper“, las er, „Gebärerin, erkrankt an SA467, gestorben zur Entlastung der Allgemeinheit.“

Kaum drangen die Worte zu ihm durch. Ein Schauder erfasste ihn. Frank hatte dies bereits oft gelesen. Jenen einen Satz. ‚Gestorben zur Entlastung der Allgemeinheit’. Dahinter verbarg sich ein perfides System, um die Wasser- und Nahrungsmittelreservoire zu schützen. Menschen, deren Krankheit nicht heilbar war mit den zur Verfügung stehenden Mitteln oder innerhalb einer vorbestimmten Zeit, wurden zum Tod verurteilt. Das gleiche Schicksal erlitten Verbrecher und Wasserdiebe. Man injizierte ihnen ein Mittel, was die Umwelt nicht belastete, wenn sie dem Verwertungskreislauf zugeführt wurden. Manchmal geschah es auch, dass man sie regelrecht zur Belustigung des Volkes exekutierte.

Dies war wohl das Schicksal seiner Schwester gewesen. Jedenfalls wies ihr Körper entsprechende Wunden auf. Frank spürte Williams Hand mitleidig auf seiner Schulter ruhen. „Du solltest nun wirklich die Halle des Wassers verlassen“, sprach dieser auf ihn ein, „diesmal bist du von der Schicht entbunden.“

Mit einem Aufseufzen, in dem alles Leid mitschwang, streckte sich Frank. Er atmete den grauenerregenden Gestank des Todes ein. Sanft fuhr er über das schwammige Fleisch Amelies. Haut platzte auf. Leichensaft floss träge in die Brühe, in der die Überreste ihres Körpers lagen. „Ich muss es zu Ende bringen, William“, antwortete er krächzend, „es ist das Mindeste, was ich noch für sie tun kann. – Sie auf ihrem letzten Weg begleiten.“ Verständnisvoll nickte William. Auch die übrigen Wassermeister gaben ihr Einverständnis. „Doch danach wirst du eine Ruhephase einlegen“, wies Andrew ihn an, „und du wirst William diese Arbeit tun lassen.“ Frank nickte. Damit war er einverstanden.

William nahm seinen Platz ein. Wie ein Fremdkörper stand Frank daneben und beobachtete jeden Handgriff, den dieser tat. Jene Handgriffe, die er jeden Tag selber hundertfach ausführte, ohne es mehr zu bemerken. Nun bekamen sie eine andere Bedeutung.

Seine Augen verfolgten Williams Hand, während dieser den Scanner über das Etikett des Behälters hielt. Amelies Daten wurden eingelesen. Anschließend wurde der Behälter gewogen und damit das Gesamtgewicht festgestellt. Davon zog man das Gewicht des Behälters ab und erhielt Amelies Gewicht. Danach löste William die Verriegelung und der graue Behälter rutschte ein Stück weiter auf einen Kessel zu. Beladen wurde dieser von oben. Mit Hilfe einer Hubvorrichtung brachte William den Behälter in eine schräge Position, so dass Amelies Körper samt der trägen Brühe in den Kessel gleiten konnte.

Das Geräusch des schließenden Kesseldeckels fuhr Frank bis ins Mark. Er hörte es täglich etliche Male, doch bisher hatte es ihm nichts bedeutet. Als das Mahlwerk im Inneren seine Arbeit aufnahm, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. In Strömen flossen sie über seine Wangen. Salzig und nass.

Vor seinem geistigen Auge sah er ins Innere des Kessels. Er wusste um die Funktionsweise. Es gehörte zu seiner Ausbildung. Schließlich musste er in der Lage sein, die Anlage zu warten und im Fall des Falles auch Reparaturen ausführen. Nur Wassermeister durften in die Halle des Wassers.

Er sah das Mahlen und Malmen der scharfen Messer. Danach floss die entstandene grobstückige Masse durch eine Öffnung in einen anderen Kessel. Dort warteten stampfende Metallpistel darauf, daraus einen feinen Brei zu bereiten. Dieser wurde wiederum in den Destillierkessel befördert. In diesem Teil der Apparatur entzog man sämtliches Wasser, das durch eine Filteranlage gepresst in ein großes Bassin geleitet wurde. Der zurückbleibende schwärzlichgraue, an Asche erinnernde Rückstand, zusammengepresst zu einem Klumpen, entfernte man aus dem letzten Kessel. Sorgfältig füllte William diesen in einen kleinen, metallenen Behälter und wog ihn.

„’Das Fleisch gehört ihr selbst’“, zitierte Frank leise, seine Stimme zu einem Hauch abgesunken, „’- ihr Wasser jedoch dem Stamm.’“

„Amelie Cooper,“, sagte William, „38 Jahre alt. Sie wog bei der Rückführung 62 kg. Sie brachte 50 Liter Wasser an die Allgemeinheit. Der Rückstand belief sich auf 11 kg. Verlust durch den Rückführungsprozeß entsprach einem Liter Wasser.“ Normalerweise interessierten Frank die Daten nicht. Er gab sie automatisch in das System ein. Jetzt schnitten Williams Worte ihm bis ins Mark. Amelie wurde auf die Menge ihres Wassers reduziert. Sie war doch ein Mensch gewesen! War das nun alles? Nur die Liter Wasser und ein vergleichsweise kleiner Ascheklumpen?

Fragend reichte William ihm den Behälter mit der Asche. Wie oft hatte er diesen kleinen schwarzgrauen Klumpen in nichtssagende graue Behälter verpackt. In einem Container wurden sie gesammelt. Alle paar Wochen erschien ein Gebeinwächter und holte sie ab. Ungesehen von den Arbeitern. Etliche Kilometer entfernt stand ein Beinhaus. Dort konnten Angehörigen die Überreste abholen, wenn sie wollten. Das Krematorium bekamen sie nicht zu Gesicht, obwohl es im Gebirge eines gab für Schauzwecke. Nur eine Straße führte dorthin. Die eigentliche Anlage bekam keiner zu Gesicht. Niemand wusste, warum die Wassersammelanlage nahe bei den Krematorien standen. Vielleicht ahnten es einige, doch den Menschen war es egal geworden, wie ihre Toten entsorgt wurden. Es war ihnen egal geworden, wie sie ihr Wasser erhielten. Hauptsache sie bekamen Wasser um zu überleben. Und sie fragten nicht.

Frank schüttelte den Kopf. Er wollte diese Asche nicht. „Es ist deine Schwester“, sagte William leise, „willst du ihre Rückstände nicht ehren, wie es sich gehört?“ „Ich kann nicht“, krächzte Frank widerwillig, „ich kann nicht. – Nicht nachdem ich sie hier gesehen habe. Ihr Wasser ist dort unten. Wie könnte ich ...“ Eindringlich sah William ihn an. „Du musst“, unterbrach er Frank hart, „wie sonst solltest du deine Arbeit als Wassermeister fortführen, wenn du diesen Weg nicht für sie zu Ende bringst? – Andere Verwandte hat sie doch nicht mehr, oder?“ Unter Tränen schüttelte Frank verneinend den Kopf. Er war ihr einziger Verwandter gewesen, der noch lebte. Alle anderen waren bereits den Weg zu den Wassern gegangen. Nur zögernd streckte er die Hände aus. Zittrig nahm er den kleinen Behälter an sich. Er drehte sich um. Hinter ihm nahmen die Wassermeister ihre Arbeit wieder auf. Das Geräusch eines schließenden Kessels ließ ihn zusammenzucken. Seine Nackenhaare sträubten sich. Doch er verharrte. Die altbekannte Betriebsamkeit der Halle setzte ein. Überflutete ihn mit einer Kakophonie an Geräuschen und Gerüchen.

„Früher soll es hier Meere gegeben haben“, hörte er Amelies klare Stimme in seinem Kopf, „unendlich viel Wasser. – Und das meiste davon konnte man nicht einmal trinken. Fische sollen sich dort getummelt haben. Glitzernde, zappelnde Fische. – Wenn ich einmal gehe, dann möchte ich im Meer begraben werden. – Sorgst du dafür, Frank?“

Er erinnerte sich. Kurz vor seiner Wahl zum Wassermeister hatten sie darüber gesprochen. Wie sehr hatte sie das Wasser geliebt. Sie liebte den Geruch, den Geschmack, das Licht, welches sich darin brach. Und nun war sie dort unten. Geboren aus Wasser. Zurückgekehrt ins Wasser.

Langsamen Schrittes verließ er die Halle des Wassers. Der kleine Behälter in seinen Händen war kühl. Tränen füllten seine Augen hinter der nichtssagenden weißen Gesichtsmaske. Draußen vor der Anlage war es dunkel. Nacht hatte sich über das Land gesenkt. Frank empfand die Nachtkühle sonst immer als Wohltat. Nun spürte er sie nicht. Seine Gedanken waren bei Amelie. Er erinnerte sich an die Jahre, die sie zusammen verbracht hatten. An die glühende Hitze der Tage und die Kühle der Nächte.

Sein Weg führte ihn weit hinaus. Dorthin, wo einst das Meer war. Vorsichtig tastete er sich mit den Füßen an den Rand der Klippen. Lange stand er dort. Über sich die Sterne und unter sich die Schwärze des Bodens. Er wusste, wie tief es dort hinunter ging, wo er stand. Schroff fiel der Fels ab.

‚Ein haßerfüllter Mensch verschließt sich selbst vor den Argumenten der inneren Vernunft.’

Er durchlebte die unterschiedlichsten Empfindungen. Hass, Trauer, Wut, Verzweiflung. Alles keimte in ihm hoch und suchte ihn zu überwältigen. Doch er stand dort oben auf dem Fels. Regungslos. Sein Kampf fand in seinem Inneren statt. In seinen Händen den kleinen grauen Behälter mit der Asche seiner Schwester. Erst als der Morgen graute, kehrte Leben in ihn zurück. Bedächtig hob er den Klumpen und wog ihn sacht in der Hand. Es fühlte sich merkwürdig an. Staubig, samtig, er vermeinte eine Wärme zu spüren, die davon ausging. Doch dies konnte nur eine Sinnestäuschung sein. Im orangeroten Licht der aufgehenden Sonne zerkrümmelte er die Asche und ließ sie vom Wind davontragen. Als die letzte Asche zu Boden fiel, drehte er sich um und ging auf die Anlage zu. Nun konnte er seine Aufgabe erneut aufnehmen. Doch nichts mehr würde sein wie früher.

zurück