Wieder einmal sah ich in den Spiegel. Wie viele Diäten hatte ich bereits hinter mir? Nudel-Diät, Sauerkraut-Diät, FdH, Kalorienzählen, Kohlsuppe, Trennkost, Weight-Watchers und und und...

Aber nichts half. Hatte ich ein paar Kilos runter mit der Diät, so kamen sie alsbald wieder auf die Hüften. Und noch eines mehr. Der berühmt-berüchtigte Jojo-Effekt. Nun waren sie wieder da, die Pfunde.

Seufzend schmiß ich meine Jeans auf das Bett. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte einfach nicht mehr. Überall wo ich hinkam, sah und stand starrte mich das Bild der superschlanken, großen, gutgebauten Frau an, die möglichst noch blond war mit Wallemähne, und strahlend weiße Zähne ohne jeglichen Makel aufweisen konnte.

Wo zum Teufel kamen diese Wunderwesen her? Groß war ich nicht. Jedenfalls unter dem Durchschnitt. Das würde ich auch nie ändern können. Dementsprechend schien die Gestalt eher gedrungen. Warum konnte die Gesellschaft nicht aus Zwergen bestehen? Dann hätte ich vielleicht die Idealfigur. Die Pfunde, die für eine hochgewachsenen Frau perfekt gewesen wären, verliehen mir den Charme einer Venus von Milo.

Ich haßte mein Spiegelbild! Wütend schlug ich dagegen. Doch es schwand nicht. Auf den Hunger- und Diätmarathon, der vor mir lag, hatte ich weiß Gott keine Lust. Die ewige Kontrolle durch die Waage war mir zuwider. Der ewige Kampf mit dem inneren Schweinehund ebenfalls. Aber was tat man nicht alles für das vermeintliche Schönheitsideal!

Mehrere Wochen gingen dahin. Endlich paßten die Hosen wieder und zu meiner Freude waren sie sogar viel zu weit. Geschafft! Ich war zwar jetzt zufrieden mit meinem Spiegelbild, aber so schwach, daß ich keine Flasche Wasser aufdrehen konnte. Ich wog nun unter fünfzig Kilo, aber hier und da sah ich weitere Pölsterchen. Mein Körper entsprach immer noch nicht dem Idealbild, welches mir in der Werbung vorgegaukelt wurde. Seufzend legte ich den Zwieback an die Seite. Im Reformhaus hatte ich etwas Neues entdeckt. Trinkdiät. Hoffnungsvoll mixte ich mir den ersten Becher.

In der Folgezeit ernährte ich mich wie vorgeschrieben von diesem Zeug in Kombination mit einer gesunden, vollwertigen, festen Mahlzeit am Tag und den angepriesenen Riegeln für zwischendurch. Es schmeckte einigermaßen, aber Hunger hatte ich trotzdem. Außerdem brachte es nicht den gewünschten Effekt. Jeder Blick in den Spiegel offenbarte eine neue Enttäuschung. Anfangs nahm ich sogar von dem Zeug zu. Die Fettpolster schmolzen keineswegs, wie es die Werbung versprach, als wären sie Butter in der Sonne.

Seufzend strich ich mir die warme Mahlzeit und die Riegel. Alles wurde durch die Trinkdiät ersetzt. Flüssignahrung. Ich kam mir vor wie ein Astronaut bei der Mondlandung. Aber auch jetzt blieb die erwünschte Wirkung aus. Vielmehr stellten sich die ersten Nebenwirkungen ein. Magenkrämpfe, Heißhungerattacken, Müdigkeit, Schlappheit, Gereiztheit. Das ganze Spektrum.

Als ich Tage später dann noch das Minuten zuvor Getrunkene erbrach, fragte ich mich, warum ich mir diese Quälerei immer wieder antat. Das fragte ich mich bereits die ganze Zeit. Aber nun war ich an dem Punkt angelangt, wo ich darüber nachdachte, ob das Ergebnis die Sache wert sei. Sollte das ewig so weiter gehen? Essen, Erbrechen, Essen, Diäten? Das konnte doch nicht der Sinn meines Lebens sein. Oder?

Mühsam schleppte ich mich zum Bett. Mit zittrigen Muskeln legte ich mich hin. Zu schwach zum Stehen oder gar Bewegen. Mein Magen krampfte sich zusammen in der Hoffnung auf ein bißchen feste Nahrung. Ich wälzte mich hin und her. Stunde um Stunde. Der Hunger trieb mich schließlich auf die Beine. Ich musste etwas zu mir nehmen! Und sei es nur etwas mehr von dieser Mixtur.

Als ich mich aufrichtete, blickte ich in den Spiegel. Und was ich sah, erschreckte mich zu Tode. Oft hatte ich in den Spiegel geschaut. Immer auf der Suche nach Fettpolstern. Immer wieder hatte ich mich kontrolliert. Immer wieder Unzufriedenheit mit dem Ergebnis gehabt. Doch nun ... ja, ich hatte nun die Fettpolster verloren.

Aber ich hatte noch viel mehr verloren. Entsetzt musterte ich das Ergebnis meiner Bemühungen. Ein hohläugiges, zum Skelett abgemagertes Wesen blickte mich an. Glanzlos das Haar und die Augen. Die Haut schlabberte an den Beinen und den Armen. Die Wangen eingefallen, so daß sich bereits die Haut darüber spannte, wie über einen Totenschädel. Wer war das? Das konnte doch unmöglich Ich sein? Dieses Ding dort im Spiegel war ich selbst?

Dies war nicht das Bild, was ich für mich haben wollte! Ganz und gar nicht! Ein weiterer Magenkrampf ließ mich zur Toilette kriechen. Mit letzter Kraft erbrach ich mit Trinkdiät versetzte Magensäure. Bitter biß diese ekelerregende Mischung in der vom Brechen wunden Speiseröhre.

Den Rest des Tages verbrachte ich im Bett. Das Bild aus dem Spiegel verfolgte mich. Sogar bis in meine Träume. Fett war wichtig, erkannte ich. Ohne Fett kannst du nicht leben. Du mußt akzeptieren, daß du genauso bist wie 99% aller anderen Frauen, die nicht den Phantombildern aus der Werbung entsprechen. Du mußt akzeptieren, daß du nie dem Ideal der Medien entsprechen wirst!

Ich focht einen harten Kampf aus. Als der nächste Morgen anbrach, beschloß ich etwas zu essen. Ich knabberte an einem Zwieback. Mein Magen rebellierte ein wenig. Zulange hatte ich ihn mit Trinkkost gefoltert. Er war es nicht mehr gewöhnt zu arbeiten.

Langsam begann ich meinen Körper wieder an feste Nahrung zu gewöhnen. Mit den Wochen kam die Kraft zurück und die Fettpolster. Allmählich bekam das Monster im Spiegel wieder Formen. Selbst in meinem Umfeld stellte man meine Wandlung fest. Meine Familie begrüßte mich wieder erfreut zu den Mahlzeiten. Wie oft hatte ich einen Bogen um das gemeinsame Essen gemacht? Ich wußte es nicht. Doch das sollte nun alles anders werden. Zufrieden sah meine Mutter aus. Endlich hatte ich Vernunft angenommen, stand in ihren Augen.

Daneben begann ich mich zu informieren. Ich war es leid, wie ein Trottel von einer Diät in die andere zu stolpern. Also las ich was ich bekommen konnte. Über das Für und Wider von Diäten, deren Wirkung auf den Organismus, das Idealgewicht, das Leben der Models, Krankheitsbilder und vieles mehr.

Ich lernte, daß es nicht wichtig war, so auszusehen, wie ein Model. Sie gaukelten nur den schönen Schein vor. Kaum eine normale Frau entsprach diesem Ideal. Doch wurde dieses Bild immer und überall propagiert.

Sogar auf der Arbeit wurde ich davon verfolgt. Hier war alles beim Alten geblieben. Nichts hatte sich geändert. Eher wurde es schlechter. Als ich endlich wieder so viel zugenommen hatte, dass ich mich wohlfühlte, musste ich zum Betriebsarzt. Jährliche Routineuntersuchung. Der legte mir doch glatt nahe, dass ich eine Diät in Erwägung ziehen sollte. Ich hätte drei Kilo Gewicht zuviel für meine Größe. Und das wo ich so Stolz war, wieder eine ansehnliche Figur zu haben. Ansehnlich zumindest in meinen Augen.

Was erdreistete sich dieser Mann mir vorzuschreiben, was für ein Gewicht für mich gut wäre? Warum wurde man immer und überall in eine Schablone gepreßt? Warum vergleichen uns die Männer immer wieder mit den Bildern aus der Werbung? Um uns Frauen in den Diätwahn zu treiben? Nur damit wir den Männern gefallen? Warum sollen wir uns das antun?

Nur damit sich die Männer zurücklehnen können und wohlgefällig auf uns schauen, während wir Frauen uns gegeneinander ausspielen mit immer neuen und ausgefeilteren Diäten. Damit wir beschäftigt sind und uns nicht um wirklich wichtige Dinge kümmern. Das tun schließlich die Männer für uns. Und letztendlich wollen sie uns damit kleinhalten. Sie schwächen unser Selbstbewußtsein in der Gewißheit, daß wir uns in erster Linie darum kümmern, wie wir auf andere wirken. Was tun die Männer denn für uns? Keiner von ihnen würde sich auf Dauer derart quälen.

Ich lernte, daß es in der Vergangenheit immer wieder unterschiedliche Auffassungen von Schönheit gab. In der Zeit von Rubens wurde die eher barocke Fülle als Schönheitsideal angesehen, schmale Frauen galten als unschön. In der Steinzeit mußten die Frauen sogar füllig sein. Sie symbolisierten Fruchtbarkeit. Eine dünne Frau konnte doch unmöglich in der Lage sein Kinder zu gebären und zu ernähren.

Aus welchem Grunde sollte man uns Frauen dazu zwingen einem Ideal nachzustreben, daß dünn war wie eine Bohnenstange? Jedenfalls mich hatte man als Diätkandidatin verloren. Endgültig.

Es dauerte zwar einige Zeit, bis ich mich mit meiner neuen Figur abgefunden hatte, die so gar nicht dem Ideal entsprach, aber diese Zeit war sehr heilsam für mich. Ich will nicht sagen „big is chic“, aber jede Frau hat eine einzigartige Figur und diese sollte jede Frau akzeptieren. Ich achte nach wie vor auf meinen Körper. Aber ich achte ihn als, das was er ist. Ein Gefäß des Lebens. Ich kümmere mich um meinen Körper und um seine Bedürfnisse, DESHALB werde ich ihn nie wieder mit sinnlosen Diäten quälen. Niemals wieder werde ich ihn malträtieren und bekämpfen. Mein Körper gehört MIR und niemandem sonst.

Einige Jahre später hatte ich endlich meine Figur gefunden. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Das ist das Wichtigste. Man muss sich so akzeptieren, wie man wirklich ist. Nun war ich ICH. Einzigartig und unverwechselbar. Nicht übermäßig schlank, eher ein wenig füllig. Doch ich hatte mich damit arrangiert. Der Besuch eines Bauchtanzkurses hatte mir zudem ein anderes Gefühl für meinen Körper vermittelt. Bauch ist schön. Eine Frau mit schönen Rundungen verströmte Sinnlichkeit und erdige Energie.

Immer noch sehe ich jede Woche neuen Diätpläne in irgendwelchen Frauenzeitschriften. Doch ich beachte sie nicht mehr. Ich esse, was mir Spaß macht und fühle mich wohl. Was die anderen über mich denken, ist mir längst egal geworden. Sollen sie sich erst einmal selber befreien aus dem Sumpf der Diäten.

Die Blicke, die mich manchmal streifen, werte ich als Neid. Neid darüber, daß ich zu meinem Körper stehe, so wie er ist. Und sollte mich jemand darauf ansprechen, daß ich doch fett sei und lieber ein paar Pfund abnehmen sollte, dann schaue ich mir diesen armen Tropf mitleidig an und antworte:

»Eine Frau ohne Bauch ist wie ein Himmel ohne Sterne.«

Manche wenden sich dann verwirrt ab. Andere schütteln verständnislos den Kopf. Und manch andere verstehen mich und stimmen mir lächelnd zu.

Aber letztendlich hat mir dieses orientalische Sprichwort sehr geholfen.

 

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