Das Ende einer langen Reise

 

Warum? Diese Frage stellte ich mir oft in den letzten Stunden. Wie konnte ich die Worte finden, um auszudrücken, was geschehen war? Ich war verloren. Die letzten Stunden zogen sich wie zäher Brei. Unaufhörlich hörte ich die Trommeln. Dumpf hallten sie in meinen Ohren. Durch die schmale Öffnung meines Verlieses konnte ich das Aufgehen der Sonne sehen. Bald würde sie für mich für immer untergegangen sein ...

Es begann vor vielen Jahren. Meine Eltern waren Priester am Hofe des Königs. Das Land war durch Kriege zerrissen. Vier Stämme teilten es unter sich. Sie bekämpften sich seit Jahrhunderten und der König versuchte sie zu einen. Ein einsames Streben, denn er war ein Spielball in den Händen derer, die nach Macht strebten.

Zusätzlich zu den politischen Unruhen gesellten sich die Glaubenskriege. Unsere oberste Gottheit war Phaëon, die Verherrlichung des Lichtes. Zu ihm gesellte sich eine Schar weiterer Götter. Darunter Arëon, welcher der Dunkelheit zugetan war. Die Priester beider Tempel bekriegten sich unerbittlich. Meine Eltern gerieten zwischen die Fronten und wurden gnadenlos vernichtet. Nur meine sechs Geschwister und ich wurden nicht getötet, sondern mit einem perfiden Fluch belegt.

Um die Geister derer von unserem Blute aus den Fängen Arëons zu befreien, müssen wir in einem verborgenen Tempel das Ritual der Zwei Drachen vollziehen. Dreizehn Jahre wurden uns gegeben, um diesen zu finden und das komplizierte Ritual durchzuführen. Ansonsten würden alle von unserem Blute Arëon dienen müssen in alle Ewigkeit.

Als Erinnerung daran brannte man uns Runenzeichen und magischen Symbolen an Bauch, Rücken, Oberarmen und Schultern ein. Nie werde ich den Schmerz vergessen! Nie die Schreie meiner Geschwister! Es war das letzte Mal, dass ich sie sah.

Ich erwachte an einem unbekannten Ort. Ich hatte Kleidung, Waffen und um meinen Hals hing eine Kette mit einer handtellergroßen schwarzen Scheibe. Diese war mit einem Halbmond in der Mitte verziert, welchen Runen umgaben. Umlaufend ein Band von kleinen Sternen, die von Drachen verschlungen wurden. Erst später lernte ich die Bedeutung dieses Amulettes kennen und wie sehr es mein Leben beeinflusste.

Nun war ich bereits sechs Jahreswechsel auf Wanderschaft, als ich vor dem mächtigen eisenbeschlagenen Tor von Hallawan, einer kleinen Provinzstadt im Herzen von Orbunan, angekommen war. Ich hatte vor hier zu rasten, bevor ich weiter Richtung Mosteria wanderte. Angeblich befand sich dort ein Hinweis auf die verschollene Spruchrolle des Drachenfeuers, die ich für das Ritual benötigte.

Ein Wachtposten von vier Mann beobachtete die Leute, die hinein oder hinaus gingen. Ihre Rüstungen waren gepflegt und Schwerter hingen an ihren Gürteln. Griffbereit lagen zwei Armbrüste. Ein Gefühl der Beklemmung stieg in mir auf, als ich an ihnen vorbei schritt. Zu oft hatte ich in den letzten Jahreswechseln erlebt, dass Stadtwachen willkürlich handelten. Ich wollte nicht gezwungen sein sie zu töten. Doch ich hatte keine Wahl. Wurde ich angegriffen, musste ich töten. Der Fluch verlangte ein Opfer für Arëon.

Ich passierte jedoch ungehindert das Tor. Drinnen verlangsamte ich meinen Schritt und begann mich zu orientieren.

„Verzeiht, Herrin“, sprach ich eine Frau an, „ich bin fremd in Hallawan. Könnt ihr mir ein Gasthaus zum Nächtigen empfehlen?“ Misstrauisch beäugte sie mich. Sie trug ein einfaches dunkelbraunes Gewand mit einem dunkelgrauen Überwurf und dem schwarzen Kopftuch mit roter Borde, der Zierat ihres Ehestandes.

„Haltet euch dort vorne links“, antwortete sie höflich, „an der nächsten Wegkreuzung gelangt ihr zur Straße der Einkehr. Dort kehrt im ‚Lustigen Zwerg‘ ein.“ „Habt Dank, Herrin“, erwiderte ich.

Ohne Hast folgte ich ihren Angaben. Ich mochte zwar Zwerge nicht, aber ich war bereit darüber hinwegzusehen, sollte das Haus anständig sein. Außerdem knurrte mir der Magen. Der „Lustige Zwerg“ erwies sich als richtige Wahl. Die Lager waren frei von Ungeziefer und das Essen gut.

Nach dem kargen Frühstück am nächsten Morgen beschloss ich über den Markt zu gehen. Mein Gewand war zerschlissen. Außerdem hatte mein Schwert arg gelitten, es musste geschliffen werden. Ein Blick in meinen Beutel sagte mir jedoch, dass ich alsbald wieder Kräuter suchen und verkaufen musste. Missmutig legte ich die Stirn in Falten. Dies verdarb mir bereits den Tag. Der Weg nach Mosteria war indes lang. Dabei würde ich genügend Gelegenheit zum Kräutersammeln haben.

Während ich über den Markt schlenderte, dachte ich an früher. Bewundernd betrachtete ich die feilgebotenen Waren. Meine Hand strich über einen aus Leder gefertigten kleinen Beutel mit wunderschönen Ornamenten. In meinem früheren Leben hätte ich ihn ohne zu zögern gekauft. Die Hitze meines Amulettes brachte mich jedoch rasch in die Gegenwart.

 „Au!“, brüllte jemand an meiner Seite. Blitzschnell schoss meine Hand vor und umklammerte ein dürres Gelenk. „Was haben deine Finger an meinem Besitz zu schaffen?“, fragte ich scharf. „Oh, werte Herrin“, buckelte ein dürrer Hemfling, „ihr habt gar schönen Schmuck. – Betrachten wollte ich ihn nur.“ Mit unschuldigen Augen blickte er mich an, während er seine verbrannte Hand im Mund kühlte.

Hemflinge waren für ihre Vorliebe für Schmuck und Tand bekannt. Sie wurden nicht groß. Dieser ging mir knapp bis zur Brust. „Da du dich derart für meinen Schmuck interessierst“, sagte ich grob, „wirst du dich freuen, der Stadtwache zu begegnen.“ Ein kurzes Brennen auf meiner Haut machte mir klar, dass das Amulett Einwände hatte. Warum sollte ich diesen Hemfling verschonen?

Er buckelte vor mir, lauthals jammernd. „Oh, bitte, werte edle Herrin!“, seine Stimme klang weinerlich, „nicht die Stadtwache! Die schlagen mir die Hand ab! Ich habe eine Familie zu versorgen. Zwei Frauen, dreizehn Kinder, drei Großmütter und sieben Onkel. Habt Erbarmen!“ Mit seinem Gezeter zog er die Aufmerksamkeit der Marktbesucher und Händler auf uns. „Lasst mich euch dienen“, jammerte er, „ihr werdet es nicht bereuen.“ Schlagartig wurde das Amulett kühl. Es war sein Wille, dass dieser Hemfling mir diente. Warum?

„Natürlich werde ich es bereuen“, sagte ich rasch, „aber diene mir, bevor ich es anders überlege!“ Seine Augen blickten einem Wiesel gleich. Buckelnd folgte er mir. „Ihr werdet es nicht bereuen“, schmeichelte er, „mein Name ist übrigens Hinterrücks, Dolchspitz Hinterrücks.“ Na ausgezeichnet, dachte ich. „Ein passender Name für einen Dieb“, entgegnete ich sarkastisch, „ich bin Rhiannon Evenin.“ „Ich bin kein Dieb!“, entgegnete Dolchspitz empört, „ich liebe nur schöne Dinge. Das ist doch nicht verboten, oder?“

Merkwürdige Anschauung. „Es ist nicht verboten, solange die schönen Dinge bei ihren rechtmäßigen Besitzern bleiben“, unterbrach ich ihn schroff und ging weiter, den Hemfling an meinem Rockzipfel. An diesem Tag geschah nichts erwähnenswertes mehr.

Am nächsten Morgen schulterte ich mein Gepäck, nachdem ich beim Wirt gezahlt hatte. Der Hemfling wartete bereits vor dem Gasthaus.

„Ein wunderschöner Tag, Herrin“, begrüßte er mich buckelnd, „ich kann es nicht erwarten, diesen gastfreundlichen Ort zu verlassen. Wohin geht die Reise, Herrin?“ „Nach Mosteria“, erwiderte ich kurz, „nun schweige!“ Ich hatte nicht vor, mich mehr als nötig mit ihm zu unterhalten.

Wir näherten uns dem Stadttor, als plötzlich hinter uns ein lauter Ruf erscholl. „Haltet die Diebe! Mein Geldbeutel! Der Hemfling hat meinen Geldbeutel!“ „Was?“, rief ich überrascht und drehte mich hastig um. Dolchspitz grinste. „Du hast ...?“, weiter kam ich nicht, da sich bereits mehrere Wachen in unsere Richtung bewegten. Ich wusste, was mit Dieben geschah, deshalb zog ich es vor Fersengeld zu geben. Doch die Wachen vor dem Stadttor hatten bereits blank gezogen.

 „Fein, fein“, kicherte es hinter mir leise, „eine Morgenübung.“ In diesem Moment griff die Stadtwache an. Einer kam von der rechten Seite auf mich zu gestürmt. Diesen parierte ich locker und konterte. Sein Gefährte von links fuhr mir jedoch in den Schlag. Unter dem nächsten konnte ich hinweg tauchen. Sekunden später schmeckte mein Schwert Blut. In der Drehung gelang es mir dem Rechten den Schwertarm aufzuschlitzen. Rotes Blut sickerte auf den Boden. Überrascht wich er zurück. Der von links nahm dessen Platz ein. Aus den Augenwinkeln sah ich Dolchspitz. Seine gebogenen Schwerter glänzten fahl, während er mit seinen Gegnern spielte.

Hart schlug indes mein Gegner zu. Nur mit Mühe gelang es mir meine Verteidigung aufrecht zu halten. Doch nach wenigen Schlägen bot er eine Lücke. Hart und rücksichtslos schlug ich zu. Mit einem häßlichen Geräusch durchdrang mein Schwert Muskeln und Knochen. Blut spritzte fontänenartig nach oben. Arëon hatte sein Opfer bekommen! Der andere hatte zu einem weiteren Schlag ausgeholt, ließ aber entsetzt das Schwert fallen.

„Worauf wartest du?“, rief Dolchspitz mir zu. Er hatte seine Gegner zu Fall gebracht. „Rasch hinaus!“, schrie er, „bevor noch mehr kommen!“ Von der Seite rannten neue Wachen auf uns zu. Nur zu gerne flüchtete ich nun. Eine getötete Stadtwache reichte für heute!

Hastig liefen wir durch das Tor. Einige hundert Meter dahinter fing der Wald an. So rasch wir konnten rannten wir hinein. Bald gaben unsere Verfolger auf, doch wir liefen weiter, bis wir sicher waren, dass niemand mehr hinter uns eilte. Erst dann verlangsamten wir unsere Schritte.

Schweigend gingen wir durchs Unterholz. Die Straße nach Mosteria war nicht weit entfernt, doch die nächsten Tage konnten wir nicht auf ihr reisen. Die Stadtwachen von Hallawan würden gewiss in dieser Richtung suchen. Gegen Abend lagerten wir an einer geschützten Stelle.

Während der Rast wurde mir klar, woher ich die Kampftechnik von Dolchspitz kannte. Mein älterer Bruder Elrhian kämpfte genauso. Wenn ich richtig folgerte, so war dieser Dolchspitz nicht nur ein Dieb, sondern ein Nachtschatten, ausgebildet zu töten. Nun wunderte es mich, dass er sich von mir hatte ergreifen lassen. Anscheinend hatte er einen äußerst schlechten Tag gehabt.

Während des Mahls sprach ich ihn darauf an. „Man ist demnach nicht nur Dieb, sondern auch Nachtschatten“, sagte ich, „wieso konnte ich dich erhaschen?“ Mit einem breiten Lächeln lehnte sich Dolchspitz zurück.

„Nur wenige Hemflinge werden zu Nachtschatten ausgebildet“, erwiderte er, „weil wir zu neugierig sind, Herrin. – Vor einigen Wochen stieß ich mit einem Hexer zusammen, der eine wirklich wunderschöne, blauschimmernde Kugel bei sich trug. – Seither klappt das nicht mehr mit den schönen Dingen.“

„Err hat dich verflucht?“, lachte ich leise, „für wie lange?“ „Ich muss eine gute Tat vollbringen“, knurrte er, „ich als Nachtschatten!!“ „Oh je, das kann dauern. Vor allem bei dir als Hemfling.“ Seine Hand zuckte nervös zum Dolch. Hatte ich es übertrieben? Nein, er durfte nicht. An diesem Abend legte ich mich beruhigt schlafen. Ein Nachtschatten war immer mit einem Ohr wach. Darauf konnte ich mich verlassen.

Etliche Tage später lenkten wir unsere Schritte auf die Straße nach Mosteria zu. „......., aber es ist doch wahr! – Warum sonst verlassen die Zwerge ihre Minen nicht“, bestand er hartnäckig. Seit dem Morgengrauen redete Dolchspitz fast ununterbrochen. „Vielleicht weil sie es leid sind, mit Dieben wie dir zusammenzutreffen?“, fragte ich entnervt. Große Augen blickten unschuldig.

„Ich? Ein Dieb!!“, Unglauben schwang in der Stimme, „ich bin kein Dieb! Wie ich bereits sagte, ich betrachte nur gerne schöne Dinge ...“ Plötzlich verharrte er in der Bewegung.

Vor uns war Lärm. Schwerter klirrten aneinander. Wir hörten laute Rufe und gellende Schreie. Ich blieb überrascht stehen. „Ein Kampf?“, stieß ich hervor. Dolchspitz lachte leise. „Wie schön – endlich hat die Langeweile ein Ende“, erwiderte er frohgelaunt, „ – rasch vorwärts, bevor es vorbei ist!“

Wir liefen dem Lärm entgegen. Als wir den Kampfplatz sahen, bot sich uns ein merkwürdiges Bild. Eine Gruppe menschenähnlicher, vierarmiger Wesen drängte sich am Rand des Weges zusammen. Ein Kriegsmönch des Phaëon stand breitbeinig vor ihnen. Mutig verteidigte er sie gegen eine Horde Orks und Blutschrate. Näher zu uns sah ich zwei leblose Körper, einen Schwertkämpfer in verrenkter Haltung und eine Magierin in kostbar bestickter, doch blutbesudelter, Robe.

„Hervorragend“, schnalzte Dolchspitz, „genau das richtige vor dem Nachtmahl.“ Damit stürzte er sich auf die Angreifer, wobei er verheerenden Schaden unter ihnen anrichtete. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Nach kurzer Zeit waren keine Gegner mehr da. Mein Schwertgriff war glitschig vom vergossenen Blut. Der Boden unter mir hatte sich in ein Schlammloch verwandelt. Blut besudelte meine Rüstung. Dolchspitz sah nicht besser aus. Seine kohlschwarzen Hemflingaugen blitzten. „Das war ein Spaß!“, kicherte er, „ich liebe Blutschrate und noch mehr liebe ich Orks!“ Angeekelt sah ich ihn an. „Du bist widerwärtig. Wie kann man nur Gefallen daran finden?“, fragte ich ihn.

Schweratmend kam der Kriegsmönch auf uns zu. Von seiner Schwertspitze tropfte das Blut. „Habt Dank, Reisende, für euer Eingreifen. Mein Name ist Padin Marl Avanmar, Kriegermönch des Phaëon“, seine Stimme klang kratzig, „ich wage nicht zu denken, was ohne euer Handeln geschehen wäre.“ „Ihr braucht uns nicht zu danken“, erwiderte Dolchspitz an meiner Stelle, „es war uns ein Vergnügen.“ Dir vielleicht, dachte ich bei mir.

„Mein Name ist Rhiannon Evenin. Dies ist Dolchspitz Hinterrücks. Es war uns eine Ehre euch zu helfen. - Was führt euch in diese verlassene Gegend, Mönch Padin?“, fragte ich höflich, während ich mein Schwert abwischte. Der Mönch deutete zu der Gruppe Kreaturen hinüber. „Diesen Bahini sind wir vor einigen Tagen begegnet. Sie wurden angegriffen. Ihre damaligen Begleiter hatten nicht so viel Glück. Sie waren bereits tot, als wir dazu stießen. Sie sind auf einer Pilgerreise ins Gebirge. Es ist wohl ihre Tradition ohne Schutz des eigenen Volkes den Pfad des Pilgers zu beschreiten. Meine Gefährten und ich boten ihnen Geleit an. – Nun sind Valina und Kharym ebenfalls in die Halle der Helden eingekehrt.“ Müde sank er neben der Magierin zu Boden und sprach ein Gebet über sie. Dann wandte er sich dem Schwertkämpfer zu. Plötzlich erstarrte er in der Bewegung.

 „Es ist noch Leben in ihm!“, stieß er hervor, „rasch, helft mir!“ Mit wenigen Schritten war ich an seiner Seite. Auch ich fühlte den flüchtigen Puls, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Mit fliegenden Finger entblößten wir die Wunden. Blut sickerte hervor. In dünnen Rinnsalen entfloh das Leben.

Irgendwo in meinem Gepäck hatte ich noch ein blutstillendes Kraut. Hastig durchwühlte ich meinen Rucksack, bis ich es fand. Rasch zerbiss ich ein paar Blätter und presste sie auf die Wunden. Der Mönch hatte sich in der Zwischenzeit für einen Heilungszauber gesammelt. Einige Mönche des Phaëon waren dazu in der Lage. Mächtige Worte flossen über seine Lippen. Seine Hände berührten die Wunden. Helle Funken sprangen von den Fingerspitzen auf den Körper des Kämpfers über. Die Wunden schlossen sich.

Mit einem Mal sog der Mann heftig die Luft ein. Nach Atem ringend kam er zu sich. Sein Blick irrte umher. Fahrig berührte er Padin. „Habt Dank, Freund“, keuchte er, „was ist mit Valina?“ Bedauernd schüttelte Padin den Kopf. „Valina ist tot“, erklärte er leise, „sie hat ehrenhaft gekämpft.“ Der Schwertkämpfer verzog schmerzlich das Gesicht. „Und die Bahini?“, fragte er leise.

Diese hatten sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt. Als ich zu ihnen hinüber sah, dachte ich kurz, dass der eine von ihnen uns lauernd betrachtete. Doch nachdem ich in die ängstlichen Gesichter der anderen blickte, schob ich diesen Gedanken bei Seite.

„Sie sind unversehrt“, antwortete Padin und wandte sich an die Bahini „,ihr könnt den Pfad betreten. - Lasst uns unsere Gefährtin bestatten, danach werden wir weiterziehen.“ „Es Recht, Herr“, sprach einer der Bahini, Manlu, wie ich später erfuhr, „wir Hilfe brauchen, wenn wir Ziel. Wir Willen beugen.“ Seine Gewänder erschienen kostbarer als die seiner Mitreisenden. Tätowierungen zierten sein Gesicht und seine Arme.

„Helft uns ein Lager zu errichten“, befahl der Mönch, „wir werden ein Totenfeuer für Valina entzünden.“ Zustimmend nickte ich. Dolchspitz hatte sich bereits in den Wald begeben. Er war zwar ein Nachtschatten, doch tote Körper scheute er. Ich folgte ihm.

Schließlich hatten wir genug Holz für ein Totenfeuer beisammen. Valina war eine Feuermagierin gewesen. Es war nur Recht und billig, dass das Feuer ihre unsterbliche Seele befreien und in die Halle der Helden geleiten würde. Der Mönch hatte in der Zwischenzeit die Leiche Valinas hergerichtet. Auf ihrem toten Antlitz waren die Brandtätowierungen ihres Ranges nun feuerrot gefärbt. Behutsam bettete er sie auf das Lager aus Zweigen.

„Wir nehmen Abschied von dir, Valina Durana“, sprach er, „gekleidet in das Gewand deines Standes, geschmückt mit den Zeichen deiner Macht übergeben wir dich dem reinigenden Feuer. Möge es deine Seele in die Halle der Helden tragen. Dort werden wir uns einst wiedersehen.“ Die Bahini beobachteten interessiert unser Vorgehen.

Während wir Valina die letzte Ehre erwiesen und zusahen, wie ihr Körper vom Feuer verzehrt wurde, durchzogen viele Gedanken mein Hirn. Wie mochte es meinen Geschwistern ergehen? Lebten sie? Oder war auch für sie bereits ein Totenfeuer entzündet worden?

Heiße Luft trug Asche zu mir herüber. ‚Geht nicht‘, wehte eine feine Stimme aus den Flammen. Rasch blickte ich zur Seite. Der Mönch und Dolchspitz standen reglos da. Ihr Blick auf das Feuer gerichtet. Kharym kniete am Boden und murmelte vor sich hin. Anscheinend hatte nur ich die Stimme gehört. ‚Gefahr, Gefahr.‘ Was für eine Gefahr? Valina erklärt euch!!

Doch keine Anwort kam aus den Flammen. Valinas Körper zerfiel zu Staub. Wind kam auf. Dieser trug Funken und Staub zu den Sternen. Lange wachten wir am Feuer. Erst spät in der Nacht verlosch es.

Am nächsten Morgen trat der Mönch zu uns heran. „Ich danke euch für die Ehre, die ihr Valina erwiesen habt“, sagte er zu uns. „Es war UNS eine Ehre“, erwiderte ich, „wohin wird euch euer Weg nun führen?“ „Kharym und ich werden die Bahini zu ihrem Tempel bringen“, entgegnete Padin. „Wir werden euch begleiten“, sprach Dolchspitz, „ein bisschen Vergnügen kann nicht schaden.“

Wütend sah ich Dolchspitz an. Ich hatte zwar bereits selber daran gedacht, aber musste er mir in den Rücken fallen? „Zwei weitere Schwerter dürften willkommen sein“, sagte ich beherrscht. Padin lächelte dankbar. „So sei es“, erwiderte er, „wir nehmen euer Angebot mit Freuden an. – Lasst uns aufbrechen!“ Rasch brachen wir das Lager ab. Kurze Zeit später waren wir auf dem Weg. Nur kurz blickte ich zurück auf den schwelenden Haufen Asche, der einstmals Valina war.

Unser Weg verlief ohne nennenswerte Ereignisse. Nach einer Woche war Kharym soweit genesen, dass er wieder kämpfen konnte. Eine weitere Woche später erreichten wir unser Ziel - die Tempelstadt der Bahini.

Von allen Seiten strömten kleine Grüppchen auf die Anlage zu. Einige hatten Geleitschutz. Unsere Gruppe wurde herzlich begrüßt. Neugierig sahen wir uns um.

„Endlich haben wir unser Ziel erreicht“, sagte Padin zufrieden. Ich atmete ebenfalls erleichtert auf. „Ich sehne mich nach einem Bad“, sagte ich, „die Reise war lang und staubig. – Seht wie eigenartig dieser Tempel aussieht. Niemals zuvor sah ich eine derartige Pyramide in den Himmel ragen. Und diese Steinhäuser, die sie säumen. Dort hinten sind gar weitere, kleinere Pyramiden zu sehen. Wozu sie wohl dienen?“ Die Augen von Dolchspitz wanderten unruhig hin und her. „Etwas ist merkwürdig“, sagte er leise, „ich fühle mich nicht wohl.“ „Vielleicht hast du dich an deinen eigenen Worten verschluckt“, erwiderte Kharym spitz. Er war nicht gut auf ihn zu sprechen. Dolchspitz hatte es erfolgreich geschafft, ihm als auch Padin auf den Nerv zu gehen.

Die Bahini aus unserer Gruppe suchten zielstrebig eines der Steinhäuser auf. Dort wurden sie von einem Mann mit Federschmuck begrüßt. Neugierig musterte er uns und nickte wohlgefällig. Manlu lächelte breit, während er das Kauderwelsch übersetzte. „Wir willkommen“, sagte er, „dürfen lagern Wald. Heute Nacht Fest. Ehren Tapferkeit.“ Dabei deutete er auf uns. Überrascht sahen wir ihn an. „Wir fühlen uns geehrt und kommen gerne“, entgegnete Padin würdevoll. Anschließend folgten wir Manlu und schlugen unser Lager auf, wo er hindeutete.

Nach dem wir es uns bequem gemacht hatten, wandte ich mich an Dolchspitz. „Ich werde baden gehen“, sagte ich zu ihm. Angespannt sah er mich an. „Sei nur vorsichtig. Ich habe ein merkwürdiges Gefühl“, entgegnete er. Seine Augen wanderten über den nahen Wald. Ich nickte, bevor ich mich auf die Suche nach einem Badehaus begab.

Es stellte sich als schwierig heraus. Doch am Ende hatte ich eine Möglichkeit zu baden gefunden – im Fluss, denn anscheinend hielten die Bahini nicht viel vom Baden. Allerdings gab mir die Suche die Gelegenheit mich umzusehen. Es war reichlich merkwürdig. Überall herrschte rege Geschäftigkeit. Von Manlu wussten wir, dass ein großes Opferfest stattfinden sollte. Doch so sehr ich mich anstrengte, ich konnte keine Opfertiere ausmachen. Ich schlenderte zu meiner Gruppe zurück. Dolchspitz war nirgendwo zu sehen.

„Ihr werdet es nicht glauben“, sagte ich, „hier gibt es kein Badehaus. Ich musste im Fluss baden.“ Kharym grinste mich unverschämt an. „Was erwartest du von einem unzivilisiertem Volk?“, fragte er mich sarkastisch. Ich ignorierte ihn. „Dafür konnte ich mich ein wenig umsehen“, sagte ich, „ – Sagt, Padin, hatte Manlu, nicht berichtet, dass hier ein großes Opferfest stattfinden soll?“ „Ja, das hat er“, bestätigte er.

„Dann wundert es mich, dass keine Opfertiere zu sehen sind“, entgegnete ich, „überall sah ich beschäftigte Bahini. Doch nirgends eine Spur von Opfertieren. – Ob sie vielleicht nur Blumen und Früchte opfern?“ „Wer weiß“, sagte Padin und zuckte mit den Schultern. „Nein, nein“, Kharym schüttelte den Kopf, „es wird Blut geopfert. Das sieht man doch an der Färbung der Stufen an der Pyramide.“ „Vielleicht bringen andere Bahini die Tiere mit“, sagte ich leichthin, „oder sie werden irgendwo im Wald gehalten. – Wie auch immer, ich werde mich jetzt für das Fest bereit machen.“

Geschäftig kramte ich in meinem Rucksack. Nach einer Weile kam Padin auf mich zu. Er setzte sich unweit von mir nieder. Sorgfältig begann er sein Schwert zu putzen. „Freut ihr euch auf das Fest?“, fragte er mich. „Ein wenig“, antwortete ich zurückhaltend, „ein Gefühl in mir verhindert, dass ich mich richtig freue.“ Padin nickte. „Nicht nur ihr habt ein merkwürdiges Gefühl“, flüsterte er, „Dolchspitz ist ebenfalls unruhig. Er beobachtet das Treiben.“

Kurz bevor das Fest begann, glitt Dolchspitz zu uns ans Feuer. Der Hemfling war angespannt. „Meine Sinne sagen mir, dass Gefahr droht“, flüsterte er unruhig, „nur – ich kann sie nicht sehen.“ „Wir müssen vorsichtig sein“, sagte Padin, „ich werde um besonderen Schutz beten. – Dort kommt Manlu. Er will uns zum Fest geleiten.“ Wir gürteten unsere Schwerter.

„Ihr bereit?“, fragte Manlu, als er bei uns eintraf, „wollen folgen?“ Behende ging er uns voran zum Festplatz. Dieser war reich geschmückt. „Sieh nur, Dolchspitz“, wisperte ich leise, „ – Diese Tafel kann mit der am Hofe des Königs mithalten. Prächtig der Schmuck aus Blüten und die goldenen Kelche. – Doch warum stehen diese nur auf der einen Tafel? Die anderen sind aus Holz.“ Dolchspitz lächelte grimmig. „Selbst am Hofe des Königs ist nicht alles Sein was Schein ist“, entgegnete er trocken. Padin deutete in die Runde. „Es scheint die Ehrentafel zu sein“, erklärte er, „seht, Rhiannon. Es kommen noch andere Krieger.“ „Ich habe sie gezählt“, warf Kharym ein, „ohne uns sind es einundzwanzig.“ Padin begab sich an die Tafel. „Lasst uns Platz nehmen“, sagte er zu uns.

Mit uns nahmen die übrigen Kämpfer an der Tafel Platz. Trommler und Spielleute mit eigenartigen Flöten gaben ihre Kunst zum Besten. Auf das Zeichen eines Bahini hin, verstummten sie. Der Bahini mit dem Federschmuck, den wir bei unserer Ankunft gesehen hatten, sprach in die Runde. Manlu übersetzte so gut es ging. „Willkommen Tempel Ikzapinihuana“, sagte er, „Bahini geehrt, tapfere Krieger Schutz auf Weg. Dank an Schwert. Dank an Krieger. Speise Wein sein Stärkung. Bahini stolz kennen tapfere Krieger.“ Er grinste uns an und hob den Becher. Wir ergriffen unsere Kelche. Vorhin am Feuer hatten wir beschlossen, heute nacht nicht viel Wein zu genießen. Deshalb nippte ich nur vorsichtig an dem Trank, welcher dunkelrot und leicht ölig war. Er schmeckte sehr würzig und kräftig, jedoch angenehm.

Der Abend nahm seinen Lauf. Ich merkte gar nicht, dass ich den Kelch bis auf die Neige leerte. Sogar die Speisen mundeten vorzüglich.

Auf einmal spürte ich, wie ich den Boden unter mir verlor. In der Zeit eines Wimpernschlages verlor ich das Bewusstsein. Meine Hand griff automatisch nach dem Schwert, doch meine Finger fuhren ins Leere. Ich sah Manlus grinsendes Antlitz über mir. Dann wurde es dunkel.

Alles drehte sich um mich. Mein Körper gehörte nicht mir. Meine Gliedmaßen waren unendlich weit weg. Ich hörte leises Stöhnen, bevor ich die Augen aufschlug. Es war dunkel. Schwach fiel Mondlicht durch eine Öffnung oben in der Wand. Die Luft war modrig, regelrecht abgestanden. Eine Bewegung neben mir ließ mich zusammenfahren.

„Dolchspitz hier“, wisperte es, „du bist wieder wach, Rhiannon.“ Seine leisen Worte dröhnten unendlich laut in meinen Ohren. Leise stöhnte ich auf. Jetzt wusste ich, dass das Stöhnen vorhin von mir stammte. „Umpf. - Rede bitte nicht so laut. Ich glaube mein Schädel platzt. - Was ist geschehen?“ Meine Stimme klang kratzig. Das Rascheln von Stoff sagte mir, dass Dolchspitz sich aufrichtete.

„Gute Frage“, flüsterte er zurück, „ich bin jetzt etwas länger wach als du. Eher gesagt, ich war nie richtig bewusstlos. Allerdings gelähmt – daher das merkwürdige Gefühl beim Aufwachen. – Deshalb konnten meine Ohren einiges aufschnappen. Auch wenn ich nicht völlig des Bahini mächtig bin -“ „Du kannst Bahini?“, unterbrach ich ihn verblüfft. „Nicht ganz“, sein Lächeln war trotz der Dunkelheit zu erkennen, „eine meiner Fähigkeiten als Nachtschatten ist das schnelle Erlernen von Sprachen. Nicht jeder von uns ist dazu in der Lage. Ich habe einfach Talent. Die zwei Wochen Reise mit ihnen haben mir soviel vermittelt, dass ich zumindest den groben Wortlaut erkennen kann. – Aber das ist Nebensache. – Was unsere Situation betrifft, - es sieht nicht gut aus.“

Zumindest hielt er sich nicht mit langen Reden auf. „Grmpf“, entgegnete ich scharf, „ – Sage mir, was ich nicht weiß!“ „Die Bahini haben uns für ihre Opferzeremonie vorgesehen“, fuhr er unverblümt fort. „Jetzt ist mir klar, warum keine Opfertiere zu sehen waren“, wisperte ich mit Entsetzen in der Stimme, „wir sind die Opfertiere.“ „Nicht nur dass“, Dolchspitz Stimme wurde kalt, „die ganzen Überfälle waren geplant. Die Orks, Blutschrate und sonstiges Gezücht werden von ihnen bezahlt. Auf diese Weise haben sie die Gewissheit, dass nur die tapfersten und stärksten Krieger den Tempel erreichen. – Ikzapinihuana ist ein Blutgott.“

„Wann sind die Opferungen geplant?“, fragte ich. Geistesabwesend rieb ich mir meine tauben Gliedmaßen. „Bei Morgengrauen werden die ersten sterben.“ Dolchspitz klang gleichmütig. „Uns haben sie für das Ende aufgespart. Folglich dürften wir ein paar Tage am Leben bleiben.“ „Vielleicht gelingt uns die Flucht“, sagte ich hoffnungsvoll. „Wir werden sehen“, erwiderte Dolchspitz. Einige Minuten lang herrschte Stille.

„Was ist mit den anderen“, fragte ich hoffnungsvoll. Dolchspitz wies mit dem Kopf Richtung Wand. „Sie sind in der Zelle nebenan“, entgegnete er, „wie es aussieht, werden wir wohl am gleichen Tag geopfert.“ „Wir müssen Kontakt mit ihnen aufnehmen“, sagte ich drängend. „Das ist aussichtslos“, Dolchspitz schüttelte bedauernd den Kopf, „ich habe es bereits versucht.“ Meine Hoffnung sank.

Als die Sonne aufging, hörten wir die ersten Trommeln. Für die nächsten Tage und Nächte sollten sie uns begleiten und an den Rand es Wahnsinns treiben. Von der Scharte aus hatten wir einen Blick auf die Opferstätte. Mit Grauen sahen wir, wie die ersten fünf ihr Leben aushauchten. Es dauerte bis Sonnenuntergang. Die Bilder brannten sich in mein Gehirn. Und ich hatte gedacht, viel erlebt zu haben. Mit Entsetzen hörten wir den Trommeln zu, die uns durch die Nacht trugen. Vier Tage lang dauerten die Grausamkeiten. Vier Nächte lang überlegten wir fieberhaft, wie wir entkommen konnten. Doch nichts konnte uns helfen. Oder gar retten.

So brach der Morgen des fünften Tages an. Die aufgehende Sonne tauchte den Himmel in ein blutiges Rot - eine Vorahnung auf dass, was kommen mochte. Ich hoffte, dass die Götter mir Stärke und Mut geben würden.

Das Schicksal wollte es, dass ich jetzt meinem Ende entgegensehe. Die Frage nach dem Warum wird wohl unbeantwortet bleiben. Welches Volk ist derart irre und tötet seine Helden? Die Schritte der Wächter waren auf dem Gang zu hören.

„Es ist soweit“, meine Stimme klang beherrscht. „Wir sehen uns in der Halle der Helden“, erwiderte Dolchspitz grimmig, „was für ein würdeloser Abgang für einen Nachtschatten.“ Ich blickte ihn hoffnungslos an. „Ja“, bestätigte ich, „wir werden uns in der Halle der Helden sehen. Ich wünsche dir eine gute Reise.“ Überlaut hörte ich das Öffnen der Türe. Eine Gruppe Bahini mit langen, dornenbewehrten Stöcken stand davor.

Der eine von ihnen grinste diabolisch. „Mabaka na“, herrschte er uns an und stieß mit einem Stock nach uns, „mabaka na.“ „Wir kommen ja schon“, fauchte ich ihn an. Auf dem Gang sahen wir, wie Padin und Kharym aus der anderen Zelle geführt werden. Mit ihnen kam eine Tagelbin. Eine Magierin, wie man an ihren Tätowierungen erkennen konnte. Um ihren Hals hing ein Bannspruch, damit sie nicht in der Lage war Magie zu wirken.

„Ich hätte nicht gedacht, euch wiederzusehen“, sagte Padin leise. Ich sah ihn mit einem beherrschten Blick an. „Wir werden sterben“, entgegnete ich, „an den Feuern der Helden werden wir bald Lieder singen.“ „Ich hätte bei meinem Volk bleiben sollen“, warf Kharym ein, „dort wäre ich standesgemäß gestorben. Nicht wie ein Opfertier. Was für ein ehrloses Ende für einen Krieger. Glaubt ihr ernsthaft, dass wir Einlass in die Halle der Helden finden?“ „Haben wir eine andere Wahl?“, fragte ich ihn sarkastisch.

Als wir ins Tageslicht traten, musste ich die Augen schließen, um nicht geblendet zu werden. Als ich sie dann öffnete, bot sich mir ein unwirkliches Bild. Hunderte von Bahini säumten den Weg zur großen Pyramide. Auf dem Platz davor gab es kein freies Fleckchen Erde mehr. Die Stufen der Pyramide schimmerten intensiv rot - gefärbt von dem vergossenen Blut der vergangenen Tage. Fliegen schwärmten umher. Trommeln dröhnten in einem ekstatischen Rhythmus. Die Bahini jubelten, als sie uns erblickten.

Die Wächter zerrten uns die Stufen hinauf. Von oben konnte man auf der einen Seite die ausgeweideten von Fliegen umschwärmten Körper unserer Vorgänger erkennen. Ein widerwärtiger Geruch stieg in die Nase. Die Bahini schien dies nicht zu stören.

Oben erwartete uns der Bahini mit dem Federschmuck. Er rief etwas mit lauter Stimme. Jubel brandete auf. Manlu deutete auf mich. „Frau Opfer“, sagte er mit glühenden Augen. Die Wächter zerrten mich vorwärts auf den blutigen Altarstein zu.

Ein letztes Mal richtete ich ein Gebet an die Götter. Mögen sie meine Geschwister beschützen! An ihnen wird es sein, das Ritual zu vollenden und die Seelen unserer Eltern zu befreien.

Ich wehrte mich, als die Wächter mich niederdrückten. Heftig ging mein Atem. Die Trommeln dröhnten. Das Jubelgeschrei der Bahini ging beinahe darin unter. Die Wächter zogen und zerrten an meinen Gewändern, die ob der brutalen Behandlung rissen. Einen blitzenden Dolch sah ich über mir, dann spürte ich heftigen Schmerz. Gellend schrie ich auf, bevor ich in die Dunkelheit sank. Brennender Schmerz raste durch meinen Körper. Ein lautes Grollen drang an mein Ohr - nur um in alles umfassender Stille zu verhallen.

 

Eingeschickt zum Wettbewerb „Fantasy“, Lerato-Verlag, Juli 2006

 

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